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Speigel Onl: Deutsche Atomkraft-Gegner fühlen sich bestätigt / STÖRFALL IN SCHWEDEN



Spiegel Online, 04.08.06

STÖRFALL IN SCHWEDEN

> Deutsche Atomkraft-Gegner fühlen sich bestätigt

Von Philipp Wittrock

Der schwere Atom-Störfall in Schweden heizt die deutsche Atomdebatte an: 
Während das Umweltministerium prüft, ob auch deutsche Kraftwerke 
gefährdet sind, wollen Union und FDP schon jetzt wissen, dass diese 
sicher sind. SPD, Grüne und Linke sind alarmiert.

Hamburg - Was wäre gewesen, wenn am 25. Juli im schwedischen 
Atomkraftwerk Forsmark nicht doch noch zwei von eigentlich vier Notstrom-
Generatoren angesprungen wären? Es ist nur ein Gedankenspiel, doch Grünen-
Fraktionsvize Bärbel Höhn ist entsetzt angesichts der Angaben von 
Kraftwerksexperten, wie gefährlich nahe man der Kernschmelze gewesen sei: 
"Wir sind um rund sieben Minuten an einem möglichen Super-Gau 
vorbeigeschliddert, der weite Teile Skandinaviens atomar verseucht hätte 
und von dem auch Deutschland stark betroffen gewesen wäre."

Deutsches Atomkraftwerk Krümmel: "Schnellstmöglich abschalten"
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AP
Deutsches Atomkraftwerk Krümmel: "Schnellstmöglich abschalten"

Der schwere Störfall in Forsmark und das anschließende Abschalten 
weiterer Blöcke hat die deutschen Atomkraft-Gegner alarmiert und die 
Debatte um die Nutzung der Kernenergie von Neuem angeheizt. Auch wenn 
noch nicht geklärt ist, ob ähnliche Sicherheitsmängel auch in deutschen 
Kernkraftwerken lauern, warnte heute etwa der der energiepolitische 
Sprecher der Links-Fraktion, Hans-Kurt Hill: "Wir können hier mit den 
gleichen Problemen rechnen." Ein Ausstieg aus der Atomkraft sei nun noch 
dringlicher. "Es zeigt sich wieder, dass Atomkraftwerke nur wirklich 
sicher sind, wenn sie abgeschaltet sind", befand Claus Möller, SPD-
Landeschef von Schleswig-Holstein, dessen zwei Meiler der Betreiber 
Vattenfall heute für unbedenklich erklärte. Und Grünen-Chef Reinhard 
Bütikofer schlussfolgerte: "Es gibt nur einen ansatzweise sicheren Umgang 
mit Atomkraft: schnellstmöglich abschalten."

Den Atomausstieg hatte Rot-Grün einst auf den Weg gebracht. Und er ist 
den Sozialdemokraten so heilig, dass sie der Union bei den 
Koalitionsverhandlungen keinerlei Zugeständnisse machte. Dennoch war der 
Streit um die Atomkraft zuletzt wieder offen ausgebrochen. Als sich die 
großen Industriestaaten auf dem G-8-Gipfel in St. Petersburg kürzlich für 
den globalen Ausbau der Kernenergie aussprachen, stand Deutschland mit 
seinem Ausstiegskonzept alleine da. Flugs fürchtete die deutsche 
Energieindustrie, in die internationale Isolation gedrängt zu werden, 
Wirtschaftsminister Michael Glos (CSU) sprang ihr mit dem kritischen Wort 
vom deutschen "Sonderweg" zur Seite und Hessens Ministerpräsident Roland 
Koch (CDU) bezeichnete den Ausstieg als "kapitalen Fehler".

Doch die SPD bleibt dabei: Die Kernkraft ist ein Auslaufmodell. Sie sei 
generell mit einem hohen Risiko verbunden, das nur für eine begrenzte 
Zeit verantwortbar sei, bekräftigte Umweltminister Sigmar Gabriel im 
Interview mit der "Welt". Und so vermeidet die Kanzlerin jede 
Provokation, die den Koalitionsfrieden in dieser Frage stören könnte. Es 
sei zwar kein Geheimnis, dass sie zur Kernenergie ein anderes Verhältnis 
habe als die Sozialdemokraten, lässt Angela Merkel (CDU) verlauten, 
rütteln will sie am Ausstieg jedoch nicht. Also bleibt es bei den 
vereinbarten Regellaufzeiten von 32 Jahren, bis 2021 soll mit dem Reaktor 
Neckarwestheim II das letzte der 17 noch aktiven Atomkraftwerke vom Netz 
gehen. Noch in dieser Wahlperiode ist die Abschaltung von vier AKWs 
geplant.

"Wende in der Atomdebatte"

"Der Störfall von Schweden bringt hoffentlich eine Wende in der 
Atomdebatte", hofft jetzt Michael Müller (SPD), parlamentarischer 
Staatssekretär im Umweltministerium. Müller spricht schon lange vom 
"Märchen der sicheren Atomkraft", erst im April dieses Jahres stellte er 
eine Liste zusammen, die sechs schwerwiegende Zwischenfälle in 
Kernkraftwerken in Deutschland seit der Katastrophe von Tschernobyl 1986 
benennt. Unter anderem wies der SPD-Politiker darin auf mehrere Fehler in 
der Notstromversorgung und in den Notkühlsystemen des AKW Brunsbüttel 
hin.

"Niemand kann einen Unfall ausschließen", sagte Müller im Gespräch mit 
SPIEGEL ONLINE. Die geringe Eintrittswahrscheinlichkeit eines Atomunfalls 
spreche dabei nicht für die Nutzung der Kernenergie, entscheidend sei 
vielmehr das nicht zu verantwortende Risiko der möglichen katastrophalen 
Folgen. Wenn auch meist andere Stimmen in der Öffentlichkeit zu hören 
seien, habe er habe den Eindruck, dass dieses Denken auch in der Union 
verbreitet sei, sagte Müller.

"Reine Panikmache"

Das SPD-geführte Bundesumweltministerium nannte den Zwischenfall von 
Formark ein "sicherheitstechnisch ernstes Ereignis" und teilte heute mit, 
es wolle "so schnell wie möglich klären, ob die zugrunde liegenden 
sicherheitstechnischen Mängel auch in deutschen Atomkraftwerken vorliegen 
können". Diese Untersuchung will Unionsfraktionsvize Katherina Reiche, 
zuständig für den Bereich Reaktorsicherheit, vor einer "umfassenden 
Bewertung" abwarten. Dennoch ist sie sich sicher, dass die 
Sicherheitsstandards in Deutschland "ganz andere" seien als in Schweden. 
Die nun wiederaufflammende Ausstiegsdebatte sei "ideologisch begründet". 
"Wer den Fall zum Anlass nimmt, die Totenglocken für die Kernkraft zu 
läuten, geht fehl", sagte Reiche SPIEGEL ONLINE.

Auch die Sprecherin für Reaktorsicherheit der FDP-Fraktion, Angelika 
Brunkhorst, bezeichnete die Diskussion als "reine Panikmache". In 
Deutschland müssten im Gegensatz zu Schweden "viel mehr technische 
Faktoren" zu einem Störfall dazukommen, damit die Notstromversorgung 
überhaupt benötigt würde.

CDU-Expertin Reiche verwies auch auf die Einstufung des Störfalls auf 
Stufe 2 der siebenstufigen internationalen Gefahrenskala. Die Einstufung 
nahmen die Schweden allerdings selbst vor, wie ein ein Sprecher der 
Internationalen Atomenergiebehörde (IAEA) in Wien heute mitteilte. Stufe 
2 stehe für einen "Zwischenfall", bei dem eine "bedeutende 
Sicherheitspanne" aufgetreten sei "mit genügend verliebenem Spielraum, um 
auf weitere Pannen zu reagieren". Hilfe forderten die schwedischen 
Behörden bei der IAEA keine an. Eigenen Angaben zufolge wurde die Uno-
Behörde einen Tag nach dem Störfall in Kenntnis gesetzt, diese 
informierte dann ihre Mitgliedstaaten.