[älterer Artikel][Neuerer Artikel][Übersicht][

ND: Tödlicher Unfall bleibt ungeklärt



Neues Deutschland, 21.12.04

> Tödlicher Unfall bleibt ungeklärt
> Atomkraftgegner prüfen juristische Schritte 
 
Von Ralf Streck 
 
Französische Atomkraftgegner prüfen derzeit juristische Schritte zur 
Aufklärung der Umstände, die zum Tode des Atomkraftgegners Sebastien 
Briat führten. Mit Verwunderung hatten sie Ende vergangener Woche die 
Einstellung staatsanwaltschaftlicher Ermittlungen zur Kenntnis genommen.
In einer gestern verbreiteten Erklärung fordert das französische Netzwerk 
für den Atomausstieg die Verantwortlichen auf, die Umstände weiter 
aufzuklären, die zum Tod des 21-jährigen Sebastién Briat am 7.November 
bei der lothringischen Stadt Avricourt geführt haben. Eine Gruppe aus 
acht Personen hatte versucht, den Atomtransport auf dem Weg von der 
französischen Wiederaufarbeitungsanlage La Hague ins niedersächsische 
Gorleben zu stoppen. Dabei kam Briat unter die Räder des fast 100 
Stundenkilometer schnell fahrenden Atomtransports.
Von Beginn an waren die Ermittlungen belastet. Staatsanwaltschaft und 
zuständige Behörden hatten tagelang gegen besseres Wissen behauptet, der 
Atomkraftgegner sei auf den Schienen angekettet gewesen. Dass er neben 
dem Gleis gestanden hatte und vom Luftwirbel des Zuges erfasst worden 
war, wurde erst eingeräumt, nachdem sich die Freunde des Getöteten an die 
Öffentlichkeit gewendet hatten.
Die Staatsanwaltschaft hat nun erklärt, Unvorsichtigkeiten und 
Fehleinschätzungen der jungen Leute seien für den Unfall verantwortlich 
gewesen. Gegen die einseitige Schuldeinweisung wehren sich die 
französischen Atomkraftgegner. »Was wirklich passiert ist«, sei 
keineswegs geklärt, beklagen sie angesichts der Sicherheitsmängel des 
Zugs mit der hochgefährlichen Fracht. Schließlich fuhr dieser in einer 
»Risikozone, in der schon in der Vergangenheit häufig Aktionen von 
Atomkraftgegnern stattfanden«. Deswegen wäre zu erwarten gewesen, dass 
der Transport »die Geschwindigkeit, zumindest während der Abwesenheit des 
Hubschraubers«, hätte verlangsamen müssen. Der Helikopter war gerade zum 
Tanken unterwegs, so dass es keine vorausschauende Luftüberwachung gab. 
Diese sei, so die Atomgegner, aber eine »Mindestvoraussetzung an 
Sicherheitsmaßnahmen«, für welche die französische Bahngesellschaft SNCF 
und die COGEMA, als Auftraggeber des Transports, verantwortlich seien. 
Der Zug wäre mit ungeahnten Folgen gegen jedes Hindernis auf den Schienen 
geprallt. »Die Züge müssen zur langsamen Fahrt verpflichtet werden, um 
vor jedem möglichen auftauchenden Hindernis anhalten zu können.«
Nach dem Eindruck der Castor-Gegner hätten die bisherigen Ermittlungen 
nur zum Ziel gehabt, die »SNCF und die Atomindustrie von ihrer 
materiellen und moralischen Verantwortung« zu entlasten. Sie fordern eine 
lückenlose Aufklärung aller Verantwortlichkeiten und Konsequenzen. Denn 
der Tod des jungen Menschen habe »gravierende Risiken« aufgezeigt, die 
durch »Lücken in der Überwachung des Transportwegs« entstanden sind.
Nach ND-Informationen prüfen die Atomkraftgegner derzeit alle 
juristischen Möglichkeiten, um Licht ins Dunkel der Umstände zu bringen, 
die zum Tod des Jugendlichen geführt haben. Allerdings laufe das auf ein 
langwieriges und teures Verfahren hinaus. Im Januar werde eine 
Versammlung der 700 im Netzwerk zusammengeschlossenen Gruppen die weitere 
Vorgehensweise beschließen. Klar sei, dass es zahlreiche Aktivitäten 
geben werde, um den politischen Druck zu erhöhen.

(ND 21.12.04)