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TAZ: Atomkommission ohne Grauf / Kritik unerwünscht



TAZ, 27.12.04

> Atomkommission ohne Grauf

FREIBURG taz Bundesumweltminister Jürgen Trittin hat den Atomexperten 
Eberhard Grauf zum Jahresende aus der Reaktorsicherheitskommission (RSK) 
verbannt. Wie das Ministerium mitteilte, wurde der ehemalige 
Sicherheitschef des Atomkraftwerks Neckarwestheim nicht erneut in das 13-
köpfige Expertengremium berufen. Die Personalie war in der 
Energiewirtschaft, in der Politik, wie unter Kritikern der Atomkraft mit 
großer Spannung erwartet worden. Grauf war von der EnBW im Sommer 
entlassen worden, nachdem er die Sicherheitspraxis im Reaktor 
Neckarwestheim heftigst kritisiert hatte. Anfangs hatte der 
Bundesumweltminister sich noch hinter den ausgewiesenen Reaktorexperten 
gestellt. Doch in den vergangenen Wochen verstärkten sich die Hinweise, 
dass auch Trittin von seinem Berater abrückt. Kritiker sehen nun in dem 
Rauswurf des Experten aus der Kommission eine Gefälligkeit des 
Bundesumweltministers gegenüber der EnBW. BJA
meinung und diskussion SEITE 9

> Umweltminister Trittin knickt erneut vor der Atomindustrie ein
> Kritik unerwünscht

Für die Energie Baden-Württemberg (EnBW) wars ein heiß ersehntes 
Weihnachtsgeschenk. Rechtzeitig zum Heiligabend präsentierte 
Umweltminister Jürgen Trittin (Bündnis 90/Die Grünen) die neue 
Reaktorsicherheitskommission: Eberhard Grauf wird nicht mehr darin 
vertreten sein.

Grauf nämlich war bis Sommer Sicherheitschef im EnBW-Atomkraftwerk 
Neckarwestheim. Dann wurde er rausgeworfen, weil er seinem Arbeitgeber 
einen zu laxen Umgang mit den Sicherheitsvorschriften vorgeworfen hatte. 
Dass die EnBW seit diesem Vorfall kein Interesse mehr daran haben konnte, 
ihren Exmitarbeiter mit bestem Insiderwissen weiterhin in einer 
Kontrollinstanz sitzen zu haben, ist leicht zu verstehen.

Fraglich ist nun, warum auch Trittin sich die EnBW-Interessen zu Eigen 
machte. Noch im Sommer hatte er sich hinter Grauf gestellt - und Trittins 
eigene Fachabteilung im Ministerium hatte alles versucht, um den 
Reaktorexperten weiterhin als kompetenten Ratgeber des Ministeriums zu 
halten.

Die Sachlage lässt nur einen Schluss zu: Trittin ist vor der EnBW 
eingeknickt. Nicht auszuschließen, dass deren Chef Utz Claassen den 
Umweltminister auf Linie brachte - schließlich sagt man den beiden 
Niedersachsen ein gutes persönliches Verhältnis nach. Auch könnte Trittin 
sich gegenüber Claassen erkenntlich zeigen wollen, da die EnBW den 
Atomausstieg inzwischen mehr unterstützt als die anderen drei großen 
Stromkonzerne. Und schließlich wäre auch die Fußball-WM 2006 als Grund 
denkbar. Dort nämlich ist die EnBW einer der Hauptsponsoren. Und eine 
Bundesregierung, die das Glück hat, ein solches Event als Vorwahlkampf 
nutzen zu können, verscherzt es sich nicht gern mit den zahlungskräftigen 
Unterstützern.

Alles Spekulationen, durchaus. Doch unabhängig von Trittins Gründen: Die 
Entscheidung gegen Grauf ist auch in der Sache falsch. Was kann denn 
einer Kommission, die sich um die Sicherheit einer hochbrisanten Technik 
sorgt, Besseres passieren, als einen Experten wie Eberhard Grauf in ihren 
Reihen zu haben? Er hat immerhin bewiesen, dass ihm die Sicherheit des 
Reaktors Neckarwestheim wichtiger war als sein eigener Job.

Apropos Weihnachtsgeschenk: Die Meldung zur Reaktorsicherheitskommission 
verbreitete das Umweltministerium am Nachmittag vor Heiligabend - die 
Medien konnten also das Thema nicht mehr mittels eigener Recherche 
aufarbeiten. Zudem sollte die brisante Meldung im Weihnachtstrubel 
untergehen. Auch das sagt viel über die Entscheidung Trittins. " 

BERNWARD JANZING