HN-St: Die Pille für den Fall der Fälle ist kaum gefragt / Kommentar "Pillenfaulheit"
Heilbronner Stimme, 21.12.04
> Die Pille für den Fall der Fälle ist kaum gefragt
Von Joachim Rüeck
Seit Wochen geben die Gemeinden rund um das Neckarwestheimer
Kernkraftwerk Jodtabletten aus. Sie sollen im Falle eines Atomunfalls
Schilddrüsenkrebs vorbeugen. Doch die Nachfrage hält sich in Grenzen.
"Die Bevölkerung glaubt nicht so sehr an den Sinn der Aktion", spricht
der Talheimer Apotheker Wolfgang Stücklen aus Erfahrung. "Und viele
bezweifeln, dass sie bei einem Störfall im Atomkraftwerk informiert
werden." Fünf Wochen lang lagen die Jodtabletten in der Schloss-Apotheke
bereit. "Ein Viertel bis ein Drittel sind abgeholt worden", resümiert
Stücklen. Der Rest ist mittlerweile wieder zurück ins Rathaus geliefert
worden.
Die Talheimer waren sogar noch recht fleißige Abholer - ebenso wie die
Einwohner von Abstatt, wo etwa ein Viertel der Tabletten über die Theke
gingen. "Ganz schlecht", so Bürgermeister Mario Dürr, sei die Nachfrage
in Neckarwestheim - "keine 20 Prozent" hätten das Medikament in der
örtlichen Apotheke in Empfang genommen. Lediglich 15 Prozent wollten in
der Ilsfelder Hirsch-Apotheke das Zusatz-Jod. Die gleiche Quote gab es in
Cleebronn, wo die Ausgabestelle im Einwohnermeldeamt ist. "Obwohl wir
vier Mal im Mitteilungsblatt darauf hingewiesen haben, gab es so wenig
Resonanz", sagt Iris Dühring von der Gemeindeverwaltung.
In den meisten Kommunen ist deshalb die Ausgabefrist verlängert worden.
In Lauffen etwa hält das Bürgerbüro die Tabletten noch bis Ende des
Jahres bereit. "Wir hatten sogar einen extra Ausgabeplatz eingerichtet",
sagt Bürgerbüro-Leiter Gerhard Görz. "Der war aber nicht notwendig." Der
Ansturm blieb aus, nur ein Viertel der Päckchen sind weg.
"Bis auf weiteres", so Brackenheims Ordnungsamtsleiter Reiner Kriegel,
ist auch in den Apotheken der Heuss-Stadt das Kaliumiodid noch zu
bekommen. Angesichts einer 20-Prozent-Quote spricht er von "ungenügender
Nachfrage".
Die Reaktionen der Abholer waren unterschiedlich. Gerhard Görz hat in
Lauffen "keine größere Besorgnis oder Beunruhigung" festgestellt. "Der
Tenor war: Wir holen die Tabletten mal ab - hoffentlich brauchen wir sie
nicht." Die Leute seien bis auf Ausnahmen gut informiert gewesen.
Irritation hat es offenbar vor allem in zweierlei Hinsicht gegeben: wann
und von wem die Jod-Dosis genommen werden soll. "Manche haben gedacht,
sie müssten die Tabletten sofort nehmen", erzählt Andrea Hohn von der
Ilsfelder Apotheke. Tatsächlich dürfen sie aber erst bei einem Atom-
Unfall nach Aufforderung geschluckt werden. Dass den meisten Menschen
über 45 Jahren die große Jodmenge mehr schadet, Kinder dagegen die Pille
für den Fall der Fälle nehmen sollten, war vielen ebenfalls unklar.
Dass die Gemeinden auf einem Großteil der Tabletten sitzen bleiben
werden, ist klar - schon bevor sie im Januar die abgegebene Menge an den
Landkreis melden und die Ergebnisse dann ins baden-württembergische
Innenministerium weitergeleitet werden. Was mit den übrigen Jod-Päckchen
geschieht, entscheidet Stuttgart. Ministeriumssprecher Jürgen Vogt denkt
an eine mögliche zweite Verteilungsrunde. Allerdings sollen Gründe für
die mäßige Nachfrage gefunden und die "Informationsarbeit aktualisiert"
werden. Der endgültige Pillen-Rest werde vermutlich "bei den Gemeinden
hinterlegt".
Kommentar "Pillenfaulheit"
> Pillenfaulheit
Ist das Vertrauen in die Sicherheit der Atomreaktoren so groß? Oder ist
das Gegenteil der Fall und die Leute glauben an das sichere Verderben bei
einem Atomunfall? Verdrängt ein Großteil der Bevölkerung das Thema
Risiken der Kernkraft komplett? Wollen die Leute ihre Jodtabletten frei
Haus geliefert bekommen? Jedenfalls holt nur ein geringer Teil der
Menschen in der Zehn-Kilometer-Zone rings um das Neckarwestheimer
Atomkraftwerk in Apotheken und Rathäusern die Jodtabletten ab.
Klar ist: Im unwahrscheinlichen Fall, dass es im Kraftwerk einmal richtig
kracht, helfen den unmittelbaren Nachbarn auch keine Pillen mehr.
Allerdings ist nicht jeder Atomunfall automatisch eine Katastrophe Marke
Tschernobyl. Die Bandbreite zwischen einem meldepflichtigen Ereignis der
Stufe null und einem GAU ist fast unendlich. Und es kann tatsächlich
sein, dass das Kaliumiodid zumindest eine Nachwirkung eines atomaren
Unglücks verhindert oder abmildert: Schilddrüsenkrebs.
Bei allen Ungereimtheiten der Tablettenverteilung noch drei gute
Nachrichten für den zögernden Abholer: Erstens schaden die Pillen nicht -
wenn sie nur im Ernstfall und nach Aufforderung von Menschen mit intakter
Schilddrüse eingenommen werden. Zweitens nehmen sie nur ein paar
Quadratzentimeter Platz im Arzneischränkchen oder dem Nachtkästchen weg.
Und drittens kosten sie nichts - und das müsste den Schwaben ja zum
Strahlen bringen.
Joachim Rüeck