HN-St: Jodtabletten: Über 45 ist "Risiko größer als der Nutzen"
Heilbronner Stimme, 09.12.04
> Jodtabletten: Über 45 ist "Risiko größer als der Nutzen"
Von Birgit Rommel
Was bringen Jodtabletten bei einem Atomunfall? Das fragen sich angesichts
der aktuellen Verteilung zahlreiche Bewohner der Gemeinden nahe dem
Neckarwestheimer Kernkraftwerk. Ein Vortrag des Strahlenbiologen Wolfgang
Köhnlein in Kirchheim sollte Antworten geben.
Bürger, die innerhalb einer Zehn-Kilometer-Zone um das Kernkraftwerk
wohnen, werden derzeit mit Jodtabletten versorgt - um sich im Notfall vor
Schilddrüsenkrebs zu schützen. "Das Präparat ist aber keine Sorglospille,
die einen Atomunfall beherrschbar macht", sagte Wolfram Scheffbuch vom
Veranstalter, dem Bund der Bürgerinitiativen mittlerer Neckar.
Wie tief Verunsicherung und Misstrauen nach dem jüngsten, lange nicht
gemeldeten Zwischenfall in Neckarwestheim sitzen, zeigt die Reaktion
eines Besigheimers: "Ich glaube nicht, dass das GKN rechtzeitig
Informationen rausgibt. Deshalb schlucke ich prophylaktisch jeden Monat
eine Tablette." Professor Köhnlein verschlug es fast die Sprache: "Da
schaden Sie sich nur", versuchte er, den Mann vor Schlimmerem zu
bewahren.
Zuvor hatte das Mitglied der Strahlenschutzkommission (SSK) versucht, die
knapp 70 Zuhörer in der Alten Schule über den Nutzen - und über möglichen
Schaden - der zusätzlichen Jodzufuhr im Notfall aufzuklären. Eine der
umstrittensten Empfehlungen der SSK, die Tabletten nur an unter 45-
Jährige auszugeben, wird von Köhnlein mitgetragen - auch wenn sie "nicht
einstimmig" ausgefallen sei. Der Münsterländer begründet die Empfehlung:
Die Gefahr, an Schilddrüsenkrebs zu erkranken, sei für Kinder und
Jugendliche am größten, dies hätten Studien aus Weißrussland nach dem
Tschernobyl-GAU bestätigt. Ältere Menschen hätten in ihrem Leben über die
Nahrung bereits mehr Jod zu sich genommen und dadurch eine größere
Schilddrüse, die bereits mit Jod angereichert sei.
Der Grund, warum Kaliumiodid-Tabletten nach einem Atomunfall eingenommen
werden sollten, liege darin, dass in der Schilddrüse eine Jodblockade
herbeigeführt werde. Das schädlich strahlende Jod aus der Luft könne also
nicht mehr in den Körper gelangen.
Köhnlein kommt auf die über 45-Jährigen zurück: Die Gefahr, durch die
Tabletten bei älteren Personen eine Schilddrüsen-Überfunktion auszulösen,
sei viel größer, als durch die Strahlung an Krebs zu erkranken. Und
selbst wenn Schilddrüsenkrebs auftrete, sei er leichter mit Medikamenten
oder einer OP in den Griff zu bekommen als eine Überfunktion. Köhnlein:
"Das Risiko ist größer als der Nutzen."
Auf die Frage, wann die Tabletten eingenommen werden sollen, antwortete
Köhnlein: "In dem Moment, in dem bekannt wird, dass etwas schief geht."
Er sagt aber auch: "So nahe wie Sie hier wohnen, müsste man schon
prophetische Kenntnisse haben." Denn die radioaktive Wolke, die das
gasförmige Jod transportiert, könne je nach Wetterlage schnell da sein.