StN: Option Atomenergie bewegt die Schweiz
Stuttgarter Nachrichten, 10.12.04
> Option Atomenergie bewegt die Schweiz
> Betreiber denken über neuen Reaktor nach - Zugeständnisse von der
Politik
Stuttgart/Bern - Ja zur Atomkraft - das ist die Haltung des künftigen
Ministerpräsidenten Günther Oettinger (CDU). Obgleich das Land keine
Entscheidungsbefugnis hat, drängt er auf längere Laufzeiten der
Atomkraftwerke (AKW) Philippsburg und Neckarwestheim. Eine ähnliche
Debatte wird derzeit in der Schweiz geführt. Dort ist sogar ein Neubau im
Gespräch.
Von unserem Korrespondenten
THOMAS GERBER, Bern
Die Betreiber der fünf bestehenden Anlagen in der Schweiz loten derzeit
die politischen Möglichkeiten aus und erhöhen gleichzeitig den Druck, die
alten Reaktoren länger am Netz zu lassen. Dies geschieht vor dem
Hintergrund, dass in rund 15 Jahren der flusswassergekühlte Atomreaktor
Mühleberg bei Bern abgeschaltet werden muss.
Die Elektrizitätswirtschaft geht davon aus, dass der Stromverbrauch in
der Schweiz weiter steigen wird. Die Gesellschaften sehen daher in der
Atomenergie "weiterhin eine Option". Die Planungsidee "Option
Kernenergie" führte bereits zu ersten politischen Entscheiden: Das
Parlament des Kantons Bern beschloss gegen die Haltung der Regierung, an
der Atomenergie festzuhalten. Die Kantonsregierung wollte, dass das Ende
des Reaktors Mühleberg auch das Aus für die Atomenergie bedeutet. Anderer
Ansicht sind die Regierungen in den AKW-Standortkantonen Aargau und
Solothurn: Sie setzen weiter auf Atomstrom. Der gleichen Meinung sind
alle drei bürgerlichen Parteien in der Bundesregierung. Allerdings wissen
auch sie, dass der Bau eines Atomkraftwerks nur gegen erheblichen
politischen Widerstand durchgesetzt werden könnte. Das letzte konkrete
Projekt, das AKW Kaiseraugst vor den Toren Basels, war vor 20 Jahren
beerdigt worden.
Die AKW-Betreiber haben mit ihrem politischen Versuchsballon bereits
heftigen Widerspruch provoziert. Die alten Atomkraftwerke müssten nicht
durch neue ersetzt werden, machen die Umweltorganisationen klar.
Maßnahmen zur effizientere Nutzung des Stroms und erneuerbaren Energien
könnten die Leistungen der alten Reaktoren ersetzen. "Durch das rückwärts
gewandte Festhalten an der Atomenergie gerät die Schweiz im
internationalen Kontext zunehmend ins Hintertreffen", kritisiert die
Schweizerische Energiestiftung.
Doch die Eidgenossen wollen sich vorerst keine Möglichkeiten verbauen.
Sie lehnten im Mai 2003 in einem Referendum Volksinitiativen von
Linksparteien und Umweltgruppen ab, die einen schrittweisen Ausstieg aus
der Atomenergie bis 2014 erreichen wollten. Die bürgerlichen Parteien und
die Atomlobby hatten zuvor vor einem "Ausstiegs-Kurzschluss" gewarnt.
1990 hatten sich die Schweizer in einer Volksabstimmung noch klar für
einen zehnjährigen AKW-Baustopp ausgesprochen.
Für die Atomgegner sind die Diskussionen über die Option Atomenergie vor
allem ein "trickreiches Ablenkungsmanöver": Die AKW-
Betriebsgesellschaften wollten für die alten Reaktoren unbefristete
Betriebsbewilligungen erreichen, vermuten die Gegner. Einen Etappensieg
haben die AKW-Betreiber schon erreicht: Die Bundesregierung erteilte
Anfang Dezember für den alten Atomreaktor Beznau II im Kanton Aargau,
unweit der schweizerisch-deutschen Landesgrenze am Hochrhein gelegen,
eine unbefristete Betriebsbewilligung.
Unterdessen haben die Schweizer Behörden die Standortsuche für ein
Endlager hochradioaktiver Abfälle wieder ausgeweitet. Energieminister
Moritz Leuenberger verlangt Alternativen zum Standort Benken im Zürcher
Weinland. Mit diesem Vorgehen wolle er den Eindruck eines "stillen
Standortentscheides" verhindern, sagte Leuenberger: "Nur wer sich mit
möglichen Alternativen beschäftigt hat, kann einen späteren
Standortentscheid glaubwürdig vertreten." Die Nationale Genossenschaft
zur Lagerung radioaktiver Abfälle (Nagra) will sich bei der Suche nach
Alternativen vorerst auf Gebiete mit Opalinuston und Kristallin
konzentrieren: Diese Gebiete liegen in den Kantonen Aargau und Solothurn -
und wie das Weinland in der nähe der Landesgrenze zu Deutschland.
Aktualisiert: 10.12.2004, 06:17 Uhr