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StN: Wirtschaft soll EnBW gegen Frankreich verteidigen



Stuttgarter Nachrichten, 04.12.04

> Wirtschaft soll EnBW gegen Frankreich verteidigen
 
Künftiger Ministerpräsident will Pariser Aktienmehrheit verhindern - Für 
den Erhalt von Firmenzentralen
 
Stuttgart - Der künftige Ministerpräsident Günther Oettinger hat die 
Wirtschaft im Land zur Mithilfe aufgefordert, die geplante Aktienmehrheit 
des französischen Stromkonzerns EdF an der Energie Baden-Württemberg 
(EnBW) abzuwehren.

VON ARNOLD RIEGER

Er erinnerte daran, dass die EdF beim Verkauf der Landesanteile an der 
EnBW eine "sehr bescheidene Funktion" einzunehmen gedachte. "Sie wollte 
ein Viertel und eine Aktie. Damals war die eindeutige Aussage: Sie will 
nicht die Mehrheit." Nun aber sei die Strategie, drei Viertel der Aktien 
zu erwerben. Dies sei nicht mit den Interessen Baden-Württembergs 
vereinbar: "Partnerschaft ja, aber nicht Übernahme."

Nachdem die EdF zu ihrem ursprünglichen 34,5-Prozent-Anteil bereits 
weitere viereinhalb Prozent erworben habe und bis zum Februar weitere 
sechs Prozent ins Auge fasse, stelle sich die Frage: "Was macht die OEW?" 
Falls der Großaktionär - im Wesentlichen oberschwäbische Landkreise - 
nicht gleichziehe, werde die EdF von ihrem Zugriffsrecht Gebrauch machen. 
"Das hielte ich für falsch. Deswegen fordere ich alle Kräfte in Baden-
Württemberg auf - die Wirtschaft, die Standortgemeinden mit den 
Arbeitsplätzen, die OEW und das Land -, zu prüfen, ob nicht ein Verbund 
in den nächsten Wochen richtig wäre, damit keine Mehrheit der Aktien in 
Paris entsteht." Auch die Wirtschaft müsse Interesse an einer 
unabhängigen Energieversorgung haben.

Der CDU-Fraktionschef kündigte am Freitag an, er werde als 
Ministerpräsident alles tun, damit Baden-Württemberg weiterhin der Sitz 
von Unternehmenszentralen bleibt. Mit Blick auf die Absicht des 
Augsburger Konzerns Walter-Bau, die Züblin AG vollständig zu übernehmen, 
sagte er: "Ein Unternehmen mit Hauptsitz in Stuttgart ist mir lieber als 
eine Filiale eines Augsburger Betriebs."

Oettinger verzichtet zunächst auf die Vorlage eines umfangreichen 
Regierungsprogramms: "Ich will nichts fundamental ändern, sondern erst 
einmal Bestandsaufnahme machen." Er wolle auch nichts versprechen, was er 
nicht halten könne, sondern sich "an den Realitäten" orientieren. Den 
beabsichtigten Ausbau der Ganztagsbetreuung an den Schulen im Land hält 
er für eine mittelfristige Aufgabe bis 2007, wenn die Schülerzahlen 
sinken. Dem von Erwin Teufel jüngst vorgelegten, neuen Forschungsprogramm 
stehe die Fraktion "wohlwollend" gegenüber: "Es wird mit Sicherheit nicht 
boykottiert." Ob allerdings alle acht Punkte in der verbleibenden Zeit 
umsetzbar seien, müsse sich zeigen.

Der Noch-Fraktionschef sucht jetzt zunächst das Gespräch mit 
gesellschaftlichen Gruppen: "Ich will, dass mir alle ihre Kritik ins 
Stammbuch schreiben." Eine stärkere Bürgerbeteiligung hält der künftige 
Regierungschef aber nur bei Personalfragen für sinnvoll, komplexe 
Sachfragen eigneten sich dafür weniger, so Oettinger. Allerdings betonte 
er: "Wir müssen die politischen Prozesse offener gestalten, damit sie von 
den Bürgern verstanden werden."

Als neuer Regierungschef will er ab 21. April das bestehende Kabinett 
weit gehend übernehmen. Lediglich mit dem neuen Minister im 
Staatsministerium, Ulrich Müller, werde er über dessen künftige Funktion 
sprechen. Der frühere Umwelt- und Verkehrsminister war nach dem Rücktritt 
von Christoph Palmer kurzfristig in der Staatskanzlei eingesprungen - 
allerdings nur bis zum Ende von Teufels Regierungszeit.

Unterdessen mehren sich in der Südwest-CDU die Stimmen, das Instrument 
der Mitgliederbefragung auch für die Kanzlerkandidatur anzuwenden. "Die 
Mitgliederbefragung bietet auf allen Ebenen eine Möglichkeit, strittige 
Personal- und Sachthemen zu entscheiden", sagte Andreas Renner, Mitglied 
im CDU-Bundesvorstand, gegenüber der Deutschen Presse-Agentur: "Die 
Mitglieder haben Feuer gefangen, es ertönt der Ruf nach mehr." Auch der 
Landeschef der Jungen Union, Thomas Bareiß, sagte, das Instrument habe 
sich bewährt. Man müsse darüber diskutieren, ob man es auch auf 
Bundesebene anwenden solle. Landesgeneralsekretär Volker Kauder hat die 
jüngste Mitgliederbefragung jedoch als "Ausnahme" bezeichnet.