StZ: Nur geringe Sachschäden bei den nächtlichen Erschütterungen
Stuttgarter zeitung, 06.12.04
> Besorgte Anrufer legen die Notrufleitungen lahm
> Nur geringe Sachschäden bei den nächtlichen Erschütterungen
Zum fünften Mal in diesem Jahr ist Baden-Württemberg von einem Erdbeben
erschüttert worden. Das Epizentrum hat in Waldkirch im Landkreis
Emmendingen gelegen. Die Schäden sind aber glücklicherweise gering.
Von Ute Köhler
Um 2.52 Uhr sind in Südbaden die Menschen aus den Betten gesprungen. Das
Beben der Stärke 5,4 war zwar nicht schwerer als das vom Februar
vergangenen Jahres, dessen Epizentrum in den Vogesen lag. Diesmal aber
war der Ursprung sehr viel näher: bei der Kleinstadt Waldkirch, nördlich
von Freiburg. In zwölf Kilometern Tiefe kam es zu ruckartigen
Verschiebungen von Gesteinsschollen.
"Wir waren sicher, die Heizung ist explodiert", berichten aufgeschreckte
Bürger; Ältere glaubten zunächst an einen Bombeneinschlag. Die starken
Erschütterungen, die etwa zehn Sekunden lang andauerten, ließen in einem
Umkreis von 30 bis 40 Kilometern Möbel knarren, Gläser klirren und im
ganzen Haus beängstigende Geräusche entstehen. Sie waren, wenn auch stark
abgeschwächt, noch in einem Umkreis von 250 Kilometern spürbar. Bei
Polizeidienststellen im ganzen Land liefen tausende von Anrufen besorgter
Menschen ein. Sie erkundigten sich nach möglichen Ursachen und suchten
Rat, wie sie sich verhalten sollten. Teilweise wurden durch den massiven
Ansturm die Notrufleitungen lahm gelegt.
In den Stunden nach dem Beben registrierte das Landesamt für Geologie in
Freiburg mehrere Dutzend Nachbeben, die meisten davon waren aber nicht
mehr wahrnehmbar. Das stärkste erreichte nach Angaben des Landesamtes
einen Wert von 2,7 auf der Richterskala. Auch in den kommenden Tagen sei
vor allem bei Waldkirch mit weiteren kleineren Erschütterungen zu
rechnen. Ein Beben der Stärke 5,4 gilt zwar weltweit nur als
mittelschwer, für Baden-Württemberg aber als schweres Erdbeben.
Schäden wurden gestern vor allem in den Landkreisen Breisgau-
Hochschwarzwald und Emmendingen registriert. Am schwersten scheint ein
stillgelegtes und mittlerweile vom Deutschen Roten Kreuz genutztes
Krankenhaus in Furtwangen betroffen zu sein. Dort haben sich nach Angaben
der Landespolizeidirektion Freiburg in größeren Bereichen Deckenpaneele
gelöst. Aus anderen Orten wird vor allem von Rissen in Putz und
Mauerwerk, vereinzelt auch von beschädigten Kaminaufbauten berichtet. In
Immendingen (Landkreis Tuttlingen) zum Beispiel wurden durch Mauerrisse
und verrutschte Kaminaufsätze mehrere Häuser beschädigt. Alles in allem
werden die Schäden angesichts der Stärke des Bebens als geringfügig
bezeichnet.
Wie die Nachrichtenagentur dpa meldet, sollen Experten des Potsdamer
Geoforschungszentrums die Ursachen des Erdbebens untersuchen. Die dafür
eingerichtete Spezialgruppe brach am Sonntag in Richtung Südbaden auf.
"Durch Messung und Untersuchung der Nachbeben erhalten wir detaillierte
Informationen zum Bebenmechanismus", sagte der Leiter der Gruppe,
Professor Jochen Zschau. "Wir können daraus auch ableiten, wie der
Erdbebenriss in der Erdkruste verläuft und wie er sich weiter entwickeln
kann." Die vergleichsweise geringen Schäden seien auf die guten Baunormen
zurückzuführen. "Allerdings hat das Beben auch nicht direkt ein
Stadtgebiet getroffen. Es wäre dann nicht so glimpflich abgelaufen",
sagte der Erdbebenexperte.
Der Bund für Umwelt und Naturschutz Deutschland (Bund) hat gefordert,
alle Bauten und Industrieanlagen am Ober- und Hochrhein, von denen eine
Gefahr für Menschen ausgehen könnte, müssten auf ihre Erdbebensicherheit
überprüft werden. Das "altersschwache" Kernkraftwerk im elsässischen
Fessenheim müsse schnellstmöglich abgeschaltet werden. Auch auf Pläne, im
schweizerischen Benken ein atomares Endlager einzurichten, müsste man
verzichten: "In einem Erdbebengebiet kann kein Atommüll für eine Million
Jahre sicher aufbewahrt werden", meint die südbadische Abteilung des
Bund.
Aktualisiert: 06.12.2004, 06:16 Uhr