StZ: Ministerium untersucht Frust im Kernkraftwerk
Stuttgarter Zeitung, 07.12.04
> Ministerium untersucht Frust im Kernkraftwerk
> EnBW erst dagegen - Reaktorchef: Stimmung bedenklich
STUTTGART. Wie schlecht ist die Stimmung der Mitarbeiter im Kernkraftwerk
Neckarwestheim? Das will die Atomaufsicht jetzt von einem Gutachter
untersuchen lassen. Der Stromkonzern EnBW hatte sich zunächst heftig
gegen die Expertise gesträubt.
Von Andreas Müller
Für seinen aufrüttelnden Vortrag beim Besuch des EnBW-Chefs Utz Claassen
nannte Eberhard Grauf, der kurz darauf gefeuerte Chef des ersten
Reaktorblocks, vor allem einen Beweggrund: Es sei "notwendig, die
Stimmungslage im Unternehmen zu verbessern". Die nämlich gebe Anlass zu
großer Sorge. Auf allen Ebenen, sagte Grauf bei der Besprechung Ende Juni
laut Redetext, herrschten inzwischen "völlig unakzeptable
Arbeitsbelastungen". Besonders betroffen seien das mittlere und höhere
Management, und das nicht nur vorübergehend. Als Leiter der Anlage müsse
er daher warnen, "dass der Frust und der Götz-von-Berlichingen-Standpunkt
zwischenzeitlich in einem für den sicheren Betrieb eines Kernkraftwerks
bedenklichen Maße um sich gegriffen hat".
Auch das für die Atomaufsicht zuständige Umweltministerium in Stuttgart
interessiert sich für die Stimmung der Belegschaft in Neckarwestheim.
Bereits vor Monaten hat es nach StZ-Informationen gegenüber der
Geschäftsführung des Gemeinschaftskernkraftwerks (GKN) angekündigt, die
Zufriedenheit der Mitarbeiter von einem externen Fachmann untersuchen zu
lassen. Mit diesem ungewöhnlichen Instrument beschreiten die Aufseher
neue Wege - entsprechend ihrem Ziel, den "Faktor Mensch" stärker in den
Mittelpunkt zu rücken. Ob eine solche Untersuchung in allen Atommeilern
vorgenommen wird oder ob sie eine Reaktion auf besondere Probleme in
Neckarwestheim ist, wollte das Ministerium nicht mitteilen.
Bei der Energie Baden-Württemberg (EnBW) war das Vorhaben zunächst auf
massive Bedenken gestoßen. Auch bei der Besprechung Ende Juni in
Neckarwestheim spielte es eine wichtige Rolle. Nach den Protokollen, die
der Stuttgarter Zeitung vorliegen, warnte der Reaktorchef vor den Folgen
einer Zufriedenheitsanalyse: Wenn sie wie geplant stattfinde, würden das
Ministerium und die EnBW "in ein ganz großes Dilemma kommen" - offenbar
wegen der zu erwartenden schlechten Ergebnisse.
Der Konzernchef Claassen habe sich daraufhin gegen die Untersuchung
gewandt, berichteten mehrere Teilnehmer der Runde. Laut Grauf hat er die
Geschäftsführung angewiesen, "eine solche Analyse mit allen rechtlich zur
Verfügung stehenden Mitteln zu verhindern". Der kaufmännische
Geschäftsführer Wolfgang Heni hatte erläutert, die Rechtslage sei nicht
eindeutig. "Professor Claassen erklärte daraufhin spontan, das wird nicht
gemacht", gab Heni zu Protokoll. "Das habe ich aber nicht als endgültige
Entscheidung verstanden." Ähnlich erinnert sich der inzwischen ebenfalls
abgelöste technische Geschäftsführer Werner Zaiss: Claassen habe "seine
Bereitschaft erklärt, sich dafür einzusetzen, dass eine solche Analyse
nicht durchgeführt wird".
Das Umweltministerium äußerte sich auf Anfrage nicht zu den Widerständen
in der EnBW. Auch zur rechtlichen Situation machte es keine Angaben.
Inzwischen scheint der Stromkonzern zumindest teilweise eingelenkt zu
haben. Ein Sprecher erklärte, man prüfe zurzeit "die weitere
Vorgehensweise im Zusammenhang mit der externen Analyse der
Mitarbeiterzufriedenheit und steht hierbei in Kontakt zu einem Institut".
Gründe für Claassens zunächst ablehnende Haltung nannte er nicht.
Bei der Besprechung in Neckarwestheim kam auch eine Selbstbewertung
("self assessment") der Arbeitszufriedenheit zur Sprache. Diese sei "der
Behörde natürlich nicht" bekannt, sagte der Geschäftsführer Zaiss. Über
den Inhalt wollte die EnBW nichts sagen: Man kommentiere keine Aussagen,
die auf Protokollen beruhten, die von den Befragten zum Teil noch nicht
einmal gebilligt seien.
Auch das Umweltministerium ließ die Frage unbeantwortet, ob es an den
Ergebnissen der internen Erhebung interessiert sei und ob ihm diese
inzwischen vorlägen. Skeptisch gegenüber der geplanten Analyse zeigte
sich der Betriebsrat. Man halte dieses Instrument für "nicht geeignet,
die Stimmung in der Belegschaft wiederzugeben", sagte der Vorsitzende
Franz Watzka; dafür gebe es andere Mittel. Das Kernkraftwerk habe aber
"nichts zu verbergen". Watzka selbst bezeichnete die Stimmung seiner
Kollegen als "nicht so schlecht": Man habe turbulente Zeiten hinter sich,
sei inzwischen aber "auf einem vernünftigen Weg".
Hintergrund des Unmuts ist auch die geplante Eingliederung der bis jetzt
eigenständigen GKN-GmbH in die EnBW-Kernkraftgesellschaft. Dadurch
verliert der Standort seine Unabhängigkeit und das Führungspersonal
Kompetenzen. Auch die Gehaltsstruktur verschlechtert sich. Selbst der
EnBW-Chef Claassen zeigte "Verständnis für die Mitarbeiter einer gesunden
Tochtergesellschaft", die ihren Beitrag zur Sanierung des angeschlagenen
Konzerns leisten müssten.