HN-St: "Sicher kann man sich da nie fühlen, oder?"
Heilbronner Stimme, 01.12.04
> "Sicher kann man sich da nie fühlen, oder?"
Von Joachim Rüeck
Diskussionen um Sicherheitsfragen, zwei entlassene Atom-Manager, Murren
in der Belegschaft, Spuren von Radioaktivität im Neckar - das
Neckarwestheimer Kernkraftwerk kommt aus den Schlagzeilen nicht mehr
heraus. Wie reagieren die Menschen in den umliegenden Orten darauf?
Was sich derzeit hinter den Wänden des Neckarwestheimer Kernkraftwerks
abspielt, bleibt für die Öffentlichkeit größtenteils im Dunkeln. Die
Schlagzeilen über Sicherheitsfragen beunruhigen viele Bewohner der
benachbarten Gemeinden. (Foto: Klaus Thomas Heck)
Viele Neckarwestheimer sehen die Vorgänge im Kraftwerk vor ihrer Haustüre
mit einem gewissen Fatalismus: "Wir können eh' nichts ändern", sagt Elke
Braun. Sie ist vor 18 Jahren in die Standortgemeinde gezogen, und "wer
hier lebt, hat sich bewusst für die Nähe zum Kraftwerk entschieden".
Allerdings kritisiert die 39-Jährige die Informationspolitik des
Energiekonzerns EnBW: "Da werden die Leute verdummt."
Keine Angst, dass etwas passieren kann, hat Barbara Sautter: "Wir haben
oft Monteure als Gäste, und die sagen: Das ist ein sicheres Kraftwerk."
Auch eine 82-Jährige aus der Atomgemeinde hat Vertrauen: "Da hat's Leute
genug, die aufpassen." Und denen könne man mal ruhig ein bisschen Beine
machen.
"Woher soll denn die Elektrizität sonst kommen?", fragt Liane Brotschi.
Schließlich sei es versäumt worden, alternative Energieformen zu
unterstützen: "Da hätte schon vor vielen Jahren was passieren müssen."
Weil die 70-Jährige in Sachen Atomkraft ein ungutes Gefühl hat,
"vermeiden wir es, zu Hause intensiv darüber zu sprechen".
"Das Vertrauen geht verloren, und bei diesem Thema ist Vertrauen ganz
besonders wichtig", ist Lothar Elflein nach der Zeitungslektüre besorgt.
Eine 38-jährige Mutter aus Kirchheim sagt: "Wohl fühlt man sich nicht."
Sie rede mit ihrem Mann viel über das Thema, erzählt sie, und fordert:
"Das Ding gehört abgeschaltet!" Eugen Nuss wohnt in Eppingen und arbeitet
in Kirchheim. Der Kaufmann glaubt, dass die Meiler weiterhin sicher sind.
Die kostenlos verteilten Jod-Tabletten für den atomaren Ernstfall hat er
sich aber trotzdem abgeholt.
"Sicher kann man sich da nie fühlen, oder?", meint ein 40-jähriger
Kirchheimer. Die Informationspolitik der Kraftwerksbetreiber bezeichnet
er als "besch...eiden" - "wenn wir es erfahren, dann ist der Zug
vielleicht schon abgefahren." Doch Alternativen zum Atomstrom sieht er
momentan keine: "Kohle und Öl belasten die Umwelt noch mehr, und
Solarenergie ist noch zu teuer. Da dreht man sich im Kreis."
Sorgen um ihre Enkel macht sich Else Kraus aus Ilsfeld. Die 65-Jährige
fühlt sich angesichts der Schlagzeilen machtlos: "Vielleicht passiert
noch mehr, und die Leute erfahren es wieder erst viel später."
Thomas Blüm und seine Frau Eva zeigen sich beunruhigt, obwohl sie "von
dem Thema nicht so viel mitgekriegt" haben. Auch in der Familie von Anni
Laitenberger wird "nicht so viel darüber gesprochen". Grund, den hiesigen
Standards zu misstrauen, sieht die 60-jährige Ilsfelderin allerdings
keinen: "Ich fühle mich sicher in Deutschland. Da ist es sicher besser
als im Ausland."