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HN-St: Kommentar: Atom-Theater



Heilbronner Stimme, 01.12.04

> Kommentar
> Atom-Theater

Vorhang auf für das Atom-Theater: Wir erleben seit Wochen und Monaten 
Szenen voller menschlicher Dramen, Spekulationen und Vorwürfe, die jetzt 
in einen Akt aus Wortklaubereien von Politikern und Verantwortlichen 
gipfeln.

Die Frage, die sich die beunruhigten Zuschauer stellen, gerät dabei 
völlig in den Hintergrund: Ist das Neckarwestheimer Kernkraftwerk durch 
die Personalpolitik von EnBW-Chef Utz Claassen tatsächlich weniger sicher 
geworden?

Wenigstens ein wenig Licht in das Bühnendunkel aus völlig 
entgegengesetzten Schilderungen und Meinungen könnte ein Blick auf die 
verschiedenen Interessen der Hauptpersonen des Stücks bringen.

Wir haben einen Konzern-Boss, der bestreitet, dass sein Sparkurs 
Auswirkungen auf die Sicherheit der Atommeiler hat, diese These aber nie 
öffentlich belegt. Wir haben einen entlassenen Kraftwerkschef, der - von 
den einen als Sicherheitsapostel, von den anderen als Querulant 
bezeichnet - mit Zähnen und Klauen seinen Ruf verteidigt. Wir haben eine 
wegen finanzieller Einbußen verärgerte Belegschaft, in der zumindest 
Einzelne damit drohen, dass ihr Interesse an allgemeiner Sicherheit mit 
ihrem persönlichen Kontostand sinkt.

Wir haben einen Landesumweltminister, der sich auf seinem neuen Posten 
profilieren und der EnBW die Stirn bieten möchte - jedoch möglichst ohne 
die Bevölkerung in Sachen Reaktorsicherheit zu beunruhigen. Wir haben 
Journalisten mit internen Protokollen aus dem Ministerium, die aber 
letztendlich den Nachweis schuldig bleiben, dass die Sicherheit im 
Kraftwerk tatsächlich gefährdet ist. Wir haben eine Opposition in Baden-
Württemberg, der Angriffe auf einen neuen Minister natürlich sehr gelegen 
kommen.

Und wir haben zu guter Letzt einen Bundesumweltminister, der die 
Verwirrung noch steigert, indem er sich plötzlich von dem einst wohl 
gelittenen Ex-Kraftwerkschef distanziert.

Hoffentlich behalten die Atom-Regisseure wenigstens hinter den Kulissen 
den Überblick. Und hoffentlich sind sie sich ihrer Verantwortung bewusst. 
Sonst wächst die Gefahr einer finalen Katastrophe. Ohne Vorhang, ohne 
Applaus.

Joachim Rüeck