[älterer Artikel][Neuerer Artikel][Übersicht][

SWR: Reaktorsicherheit - SPD bezichtigt Mappus der Lüge



SWR BaWü, 29.11.04

> Neckarwestheim
> Reaktorsicherheit - SPD bezichtigt Mappus der Lüge

Die Opposition im baden-württembergischen Landtag hat Umweltminister 
Mappus (CDU) vorgeworfen, im Streit um die Sicherheit des Atomkraftwerks 
Neckarwestheim (Kreis Heilbronn) gelogen zu haben. Fraktionschef Winfried 
Kretschmann kündigte eine Initiative seiner Partei im Landtag an.

Der SPD-Fraktionsvorsitzende Wolfgang Drexler übte mit deutlichen Worten 
Kritik: Mappus habe die Öffentlichkeit über die wahren Hintergründe für 
die Entlassung des Kraftwerksleiters "getäuscht und belogen". Das 
Umweltministerium hatte mehrfach erklärt, es gebe keine Hinweise darauf, 
dass unterschiedliche Auffassungen über Sicherheitsfragen der Grund für 
die Kündigung gewesen seien.

Anlass für die Kritik der Opposition ist ein Bericht der Stuttgarter 
Zeitung (Montagsausgabe), dass solche Differenzen zur Ablösung des 
Reaktorchefs im Kernkraftwerk Neckarwestheim geführt hätten. Der fristlos 
entlassene Atommanager habe heftige Kritik an dem Zustand der Anlage 
geübt. Dies gehe aus Befragungs-Protokollen hervor, die an verschiedene 
Ministerien gingen und auch der "Stuttgarter Zeitung" vorlägen. 
Referatsleiter des baden-württembergischen Umweltministeriums und des 
Bundesumweltministeriums hatten den entlassenen Leiter Eberhard Grauf und 
drei weitere Mitarbeiter Anfang November zu der Angelegenheit befragt.

Demnach war es in einer Besprechung mit dem Chef der Energie Baden-
Württemberg (EnBW), Utz Claassen, zu einem Eklat gekommen, als sich der 
Atomexperte beklagte, man habe nichts aus den Sicherheitsverstößen 2001 
im Kernkraftwerk Philippsburg gelernt. Dies würden neue Pannen zeigen, 
bei denen radioaktives Wasser ausgetreten war.
"Götz-von-Berlichingen-Standpunkt in der Belegschaft"

Zugleich habe der damalige Reaktorchef Zweifel an dem auf Druck der 
Atomaufsicht eingeführten Sicherheitsmanagement geäußert: Die 
"Papierarbeit" binde Personal, das man an anderer Stelle dringender 
benötige. Es handele sich um "Alibi- und Beruhigungsinstrumentarien", die 
die Situation "eher schlechter als besser" machten. In der 
Kraftwerksbelegschaft, so der abgelöste Manager weiter, greife "der Götz-
von-Berlichingen-Standpunkt in einem bedenklichen Maß um sich".
Umweltministerium: Kritik kein Grund für Kündigung
Nach dem Bericht hat das Umweltministerium gegenüber der Zeitung 
unterdessen eingeräumt, dass der Reaktorchef "Sicherheitsfragen kritisch 
angesprochen hat". Dies sei aber nicht der Grund für die Kündigung. Der 
Atomexperte war Ende Juni überraschend als Chef des zweiten Reaktorblocks 
in Neckarwestheim abgelöst worden. Die Energie Baden-Württemberg (EnBW) 
soll dies der Zeitung zufolge mit "verbalen Ausfällen" und 
"querulatorischem" Verhalten begründet haben.

Der Reaktorchef - ein Mitglied in der Reaktorsicherheitskommission des 
Bundes - hatte gegen seine Entlassung geklagt. Grauf fühlte sich dadurch 
in seinem Ansehen beschädigt. Ihm war zudem Hausverbot erteilt worden. 
Grauf und die EnBW, bei der er 32 Jahre lang beschäftigt war, einigten 
sich außergerichtlich.