ddp: «Öffentlichkeit belogen» - SPD: Mappus leugnet Gründe für Entlassung von Reaktorchef - Umweltministerium: Unerhörte Vo
ddp, 29.11.04
> «Öffentlichkeit belogen» - SPD: Mappus leugnet Gründe für Entlassung
von Reaktorchef - Umweltministerium: Unerhörte Vo
Stuttgart (ddp-bwb). Die Diskussion über die baden-württembergischen
Atomkraftwerke ist neu entbrannt. Einem Pressebericht zufolge hat der
frühere Reaktorchef des Kernkraftwerks Neckarwestheim, Eberhard Grauf,
wenige Tage vor seiner Entlassung die Sicherheit der Atomkraftwerke der
Energie Baden-Württemberg (EnBW) massiv kritisiert. Dies belegten interne
Dokumente, berichtete die «Stuttgarter Zeitung» am Montag. Die SPD warf
daraufhin dem für die Atomaufsicht zuständigen Umweltminister Stefan
Mappus (CDU) vor, die Öffentlichkeit «über die wahren Hintergründe der
Entlassung getäuscht und belogen» zu haben. Das Ministerium wies die
Kritik zurück.
SPD-Fraktionschef Wolfgang Drexler sagte, Mappus habe «wider besseres
Wissen geleugnet», dass es bei dem überraschenden Rauswurf um
Sicherheitsfragen ging. Das Umweltministerium nannte die Vorwürfe
«unerhört und inhaltlich durch nichts zu belegen». Es sei schlechter Stil
der Opposition und insbesondere von Drexler, «mit unwahren und mit den
Ängsten der Menschen spielenden Behauptungen die Öffentlichkeit
systematisch falsch zu informieren».
Die Grünen wollten eine Initiative in den Landtag einbringen, um «Licht
in diese mehr als dubiosen Vorgänge in der Aufsichtsbehörde zu bringen».
Fraktionschef Winfried Kretschmann sprach von einem «unglaublichen
Vorgang».
Der international renommierte Atomexperte Grauf war als Leiter des
zweiten Reaktorblocks in Neckarwestheim Anfang Juli überraschend abgelöst
worden. Die EnBW hatte die Entlassung den Angaben zufolge mit
«querulatorischem» Verhalten und «verbalen Ausfällen» Graufs gegen
Vorgesetzte begründet.
Die Zeitung berief sich nun auf einen Vortrag, den Grauf am 30. Juni vor
dem EnBW-Chef Utz Claassen und weiteren Managern gehalten hatte sowie auf
«geheime Protokolle» einer späteren Befragung des Experten durch das
Umweltministerium. Demnach habe Grauf beklagt, dass die EnBW nichts aus
den schweren Sicherheitsverstößen im Jahr 2001 im Atomkraftwerk
Philippsburg gelernt habe. Er soll Zweifel an dem auf Druck der
Atomaufsicht eingeführten Sicherheitsmanagement geäußert haben. Es
handele sich dabei um «Alibi- und Beruhigungsinstrumentarien», die die
Situation «eher schlechter als besser» machten.
Das Blatt berichtete weiter, das Ministerium habe jetzt erstmals
eingeräumt, dass Grauf «Sicherheitsfragen kritisch angesprochen» habe.
Dies sei aber laut Ministerium nicht der Grund der Kündigung gewesen. Die
EnBW verwies der Zeitung zufolge auf die bisher genannten Gründe.
Das Ministerium betonte am Nachmittag in einer Stellungnahme, der in der
Zeitung erhobene Vorwurf der Verschleierung sei «abwegig». Das
Umweltministerium habe eine eingehende Befragung der Beteiligten
angeordnet, nachdem es erfahren habe, dass die Entlassung Graufs »im
Anschluss an eine EnBW-interne Besprechung am 30. Juni über
Sicherheitsfragen erfolgt" sei. Dabei habe sich jedoch ergeben, «dass es
nicht die unterschiedlichen Auffassungen bezüglich der Bedenken von
Sicherheitsaspekten waren, die zur Entlassung geführt haben». Es sei
nicht Aufgabe des Ministeriums, «die sonstigen Umstände oder gar die
arbeitsrechtliche Rechtfertigung der Entlassung zu untersuchen». (Weitere
Quellen: Opposition und Umweltministerium in Pressemitteilungen)