[älterer Artikel][Neuerer Artikel][Übersicht][

StN: Streit um Atomaufsicht neu entbrannt



Stuttgarter Nachrichten, 30.11.04

> Streit um Atomaufsicht neu entbrannt
> Opposition: Umweltminister Mappus lügt
 
Stuttgart - Mit massiver Kritik an Umweltminister Mappus (CDU) hat die 
Landtags-Opposition angesichts neuer Erkenntnisse über die Entlassung des 
Kraftwerkmanagers Eberhard Grauf reagiert. Mappus habe die Öffentlichkeit 
getäuscht, so der Vorwurf. Vom Bundesumweltministerium erhält Mappus 
indes Rückendeckung.

VON FRANK SCHWAIBOLD

Die internen Dokumente, die am Wochenende an die Öffentlichkeit gedrungen 
sind, haben es in sich. Es handelt sich um Aufzeichnungen von zwei 
Besprechungen im Stuttgarter Umweltministerium. Zu Wort kamen dabei im 
Juli und November mehrere Vertreter der Energie Baden-Württemberg (EnBW). 
Thema: die überraschende Entlassung von Grauf Anfang Juli.

Die EnBW begründete die Kündigung des renommierten Neckarwestheimer 
Reaktorchefs mit "verbalen Ausfällen" und "querulatorischem" Verhalten. 
Doch schon früh machte das Gerücht die Runde, Grauf habe sich kritisch zu 
Sicherheitsfragen bei der EnBW geäußert. Eine Version, der das 
Ministerium stets widersprach.

Die jetzt publik gewordenen Dokumente scheinen das Gegenteil zu belegen. 
In einer internen Sitzung des Energiekonzerns mit EnBW-Chef Utz Claassen 
im Juni habe Grauf Tacheles geredet, berichteten offenbar Teilnehmer 
später im Stuttgarter Ministerium. Demnach habe Grauf beklagt, man habe 
nicht aus den schweren Sicherheitsverstößen 2001 im AKW Philippsburg 
gelernt. Dies hätten neue Pannen im Frühjahr 2004 gezeigt, bei denen 
radioaktives Wasser ausgetreten war. Zudem äußerte Grauf Zweifel an dem 
auf Druck der Atomaufsicht eingeführten Sicherheitsmanagement. Die 
"Papierarbeit" binde bloß Personal, das man woanders dringender benötige. 
Es handle sich um "Alibi- und Beruhigungsinstrumentarien". In der 
Belegschaft des Kraftwerks greife "der Götz-von-Berlichingen-Standpunkt 
in einem bedenklichen Maß um sich", warnte er weiter. Die Reaktion der 
Zuhörer laut Protokoll: "Blankes Entsetzen."

Für den Fraktionschef der Grünen, Winfried Kretschmann, steht somit fest: 
"Die Öffentlichkeit wurde über die wahren Gründe für die Entlassung 
getäuscht." Ganz offensichtlich sei die "schonungslose Kritik" von Grauf 
am internen Umgang mit dem Störfall in Philippsburg "ein wesentliche 
Faktor für die Trennung" gewesen. "Es drängt sich der Eindruck auf, dass 
der Umweltminister ein Problem mit der Wahrheit hat." Ein Vorwurf, den 
auch SPD-Fraktionschef Wolfgang Drexler erhebt: "Mappus hat die 
Öffentlichkeit getäuscht und belogen."

Auch für einen weiteren Punkt hat Kretschmann keinerlei Verständnis. Nach 
den jetzt bekannt gewordenen Befragungsprotokollen habe der Leiter der 
Atomaufsicht, Dietmar Keil, "wohl selbst seit Monaten die Ablösung von 
Grauf mitbetrieben". Wenn Keil aber tatsächlich Zweifel an Grauf gehabt 
habe, wäre es seine Pflicht gewesen, "umgehend zu handeln". Das Gegenteil 
sei der Fall gewesen: Der Minister habe "scheinheilig versucht, der 
Öffentlichkeit weiszumachen, vom Schritt der EnBW überrascht worden zu 
sein".

Der Minister wies gestern "den Vorwurf der Verschleierung als geradezu 
abwegig" zurück. Schließlich sei es sein Haus gewesen, das die Befragung 
der Beteiligten angeordnet habe. Die Erklärung von Grauf selbst habe 
ergeben, dass es "nicht die unterschiedlichen Auffassungen" bezüglich der 
Sicherheitsaspekte waren, die zur Entlassung geführt hätten. Die EnBW 
teilte mit, die Kündigung sei "allein aus Gründen des Verhaltens 
gegenüber Vorgesetzten und Kollegen ausgesprochen worden". Ein Sprecher 
von Bundesumweltminister Trittin (Grüne) sagte ferner, Grauf habe sich 
nicht nur kritisch zu Sicherheitsfragen geäußert, sondern auch "eine 
Reihe von Äußerungen getan, die sicherheitsrelevante Maßnahmen 
kritisierten und sogar der Abwehr von aufsichtsrechtlichen Maßnahmen 
dienten". Dies sei "mit Graufs Ablösung erledigt".

Der Trittin-Sprecher betonte, die Null-Fehler-Null-Toleranz-Konzeption 
des Energieversorgers werde vom Bundesumweltministerium "ausdrücklich 
gebilligt". Zudem wies er darauf hin, dass Graufs Mitgliedschaft in der 
Reaktorsicherheitskommission Ende 2004 auslaufe. Somit gebe es auch hier 
"keinen Handlungsbedarf" mehr.