StZ: Mappus weist den Vorwurf der Lüge empört zurück
Stuttgarter Zeitung, 30.11.04
> Mappus weist den Vorwurf der Lüge empört zurück
> Umweltminister gibt aber keine Erklärung für Widerspruch - SPD und
Grüne verurteilen Täuschung der Öffentlichkeit
STUTTGART. Umweltminister Stefan Mappus (CDU) wehrt sich gegen den
Vorwurf der Lüge, entkräftet ihn aber nicht: Er liefert keine Erklärung,
warum er einen Streit um die Sicherheit des Kernkraftwerks Neckarwestheim
wider besseres Wissen bestritten hat.
Von Andreas Müller
Die Opposition reagierte prompt. Gleich am Vormittag äußerten sich SPD
und Grüne zu einem Bericht der Stuttgarter Zeitung, nach dem Mappus als
oberster Atomaufseher die Öffentlichkeit falsch informiert hat: Bisher
hatte sein Haus immer behauptet, vor der Entlassung des Neckarwestheimer
Reaktorchefs Eberhard Grauf habe es keinen Streit über Sicherheitsfragen
gegeben. Nun stellte sich heraus, dass Grauf massive Kritik am
Sicherheitskurs geübt hatte - und dem Ministerium dies seit langem
bekannt war.
SPD-Fraktionschef Wolfgang Drexler warf Mappus daraufhin vor, er
verbreite "Lügengeschichten". Damit folge er seinem Vorgänger Ulrich
Müller, der auch erst "durch einen Untersuchungsausschuss zur Wahrheit
gezwungen wurde". Die Glaubwürdigkeit der Atomaufsicht habe damit einen
neuen Tiefpunkt erreicht, sagte Drexler. Sein Grünen-Kollege Winfried
Kretschmann sprach von einem "unglaublichen Vorgang". Offensichtlich habe
die Öffentlichkeit über die tatsächlichen Umstände der Entlassung Graufs
getäuscht werden sollen. Die Grünen beantragten, dem Landtag die
Protokolle der Befragung zu dem Fall vorzulegen. Darin ist der Streit
über die Atomsicherheit dokumentiert.
Erst am Nachmittag äußerte sich Mappus zu den schweren Vorwürfen: Sie
seien "unerhört und inhaltlich durch nichts zu belegen". Es sei gerade
sein Ministerium gewesen, das die Befragung angeordnet habe. Dabei habe
sich ergeben, dass nicht der Dissens über Sicherheitsfragen zur
Entlassung geführt habe. Die sonstigen Umstände zu untersuchen sei nicht
Sache der Atomaufsicht. Der Minister erklärte jedoch nicht, weshalb sein
Haus wiederholt behauptet hatte, es gebe keinerlei Anhaltspunkte für
einen Streit um die Sicherheit der Kernkraftwerke. Zugleich verwies er
auf das Bundesumweltministerium, das an der Befragung teilgenommen und
bisher keinen Anlass zum Eingreifen gesehen habe. Die EnBW erklärte am
Abend, die Personalie Grauf sei "längst erledigt". Seine Kündigung habe
nichts mit Differenzen in Sicherheitsfragen zu tun gehabt.
Die SPD nahm gestern auch den Bundesumweltminister Jürgen Trittin (Grüne)
ins Visier. Fraktionschef Drexler zeigte sich "verwundert über dessen
Schweigen". Trittin habe die neuerliche Befragung veranlasst und kenne
offenbar auch die Aussagen der Beteiligten. Trotzdem habe er Mappus"
falscher Darstellung zumindest öffentlich bisher nicht widersprochen.
Auch dem Stuttgarter Wirtschaftsministerium war das tatsächliche Ergebnis
der Befragung bekannt: Ein Beamter aus dem Ressort von Ernst Pfister
(FDP) hatte daran teilgenommen. Trotzdem hatte das Ministerium der
Darstellung von Mappus nicht widersprochen. Ein Sprecher Pfisters sagte
dazu, die Information der Öffentlichkeit sei allein Sache des Umwelt- und
Verkehrsministeriums.
Der frühere Reaktorchef wehrt sich unterdessen gegen den Verdacht der
Unzuverlässigkeit. Entsprechende Zweifel hatte der Chef der Atomaufsicht,
Dietmar Keil, nach Zeugenaussagen gegenüber dem GKN-Management geäußert.
Graufs Anwalt erklärte auf Anfrage, sein Mandant werde den Vorwurf "nicht
auf sich sitzen lassen". Man werde das Umweltministerium auffordern, die
Äußerungen zu widerrufen und künftig zu unterlassen. Sollte es dazu nicht
bereit sein, werde man klagen.