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SWP: Viel Arbeit nach dem Ende (Obrigheim)



Südwestpresse, 25.11.04

ATOMKRAFT / Obrigheim bereitet Stilllegung vor

> Viel Arbeit nach dem Ende
> Einstieg in den Ausstieg - Kein Mitarbeiter wird entlassen

Wenn im Frühjahr 2005 das Atomkraftwerk Obrigheim stillgelegt wird, gibt 
es noch lange Arbeit. Was mit dem Gelände und den unverstrahlten Gebäuden 
geschieht, weiß heute niemand. Sicher sind die Mitarbeiter, dass das Ende 
des Meilers "Kapitalvernichtung" ist.

HANS GEORG FRANK

OBRIGHEIM "Das KWO ist für mich eine Heimat" sagt Michael Wenk (54), 
Geschäftsführer des Kernkraftwerks Obrigheim. Seit 1983 arbeitet er in 
Deutschlands ältestem Atommeiler, "Anlage und Personal sind mir ans Herz 
gewachsen". Dass das Atomkraftwerk stillgelegt und abgebrochen wird, 
versteht er nicht: "Das ist Kapitalvernichtung." Während der Laufzeit 
seit 1. April 1969 sind rund 325 Millionen Euro investiert worden, mehr 
als das Doppelte der ursprünglichen Baukosten. Allein in den 90er Jahren 
wurden für Modernisierungen 100 Millionen Euro ausgegeben. Im letzten 
Jahrzehnt kassierten Firmen aus der Umgebung über 100 Millionen Euro, vor 
allem das Baugewerbe profitierte. 
 
Der Rückbau kostet 400 Millionen Euro. Das KWO hat dafür und für die 
Entsorgung des radioaktiven Materials 900 Millionen Euro angespart. Nach 
heutigem Kenntnisstand reicht das Geld. "Aber ich bin kein Hellseher", 
schränkt Wenk ein, "ich weiß nicht, was sich die Bundesregierung noch 
einfallen lässt." 
 
Ende April, spätestens Anfang Mai 2005 darf der Meiler keinen Strom mehr 
produzieren. Dann wurden über 90 Milliarden Kilowattstunden ins Netz 
eingespeist, fünf Prozent des Energiebedarfs im Südwesten. Selbst wenn 
eine neue Regierung einen nuklearen Neubeginn verkündet, muss Obrigheim 
aufhören. "Wir haben keinen Brennstoff mehr", sagt Konrad Schauer (39), 
Projektleiter Rückbau, "außerdem gibt es einen Vertrag mit dem 
Bundesumweltministerium." Er könne sich kein Szenario für einen 
Weiterbetrieb vorstellen. 
 
Blick nach Greifswald 
 
2500 Tonnen radioaktiven Materials müssen in ein Zwischenlager auf dem 
KWO-Gelände gebracht werden. Was mit den restlichen 272 500 Tonnen 
geschehen wird, weiß niemand. Ob die 60 Meter lange Halle abgerissen oder 
für Fabrikation oder Freizeit genutzt wird, müsse ohnedies nicht vor 2020 
entschieden sein. Das jetzige Informationszentrum eignet sich als 
Restaurant mit Blick auf Neckar und Odenwald. Gerne wird in Obrigheim 
nach Greifswald geguckt, wo ausrangierte Hallen eine andere Verwendung 
bekommen sollen. 
 
Was der Atomära in Obrigheim folgt, ist völlig unklar. Es gibt nur 
Planspiele: Biomassekraftwerk, Produktion von Bioethanol oder Biodiesel. 
Die Energie Baden-Württemberg (ENBW) würde dafür die Flächen bereit 
stellen. 50 Hektar neben dem Meiler blieben jedoch unberüht als 
"strategischer Standort für ein neues Kraftwerk, egal welcher Art", sagte 
Wenk. 
 
Von den 320 Mitarbeitern wird niemand entlassen. Etwa 170 sind nötig für 
den Atomausstieg, 25 gehen nach Neckarwestheim oder Philippsburg, 23 
Auszubildende schließen ihre Lehre ab, 80 Kraftwerker ab Jahrgang 1951 
gehen in Früh- oder Vorruhestand. 
 
Herbert Schneeweiß, gelernter Elektriker, stellvertretender Schichtführer 
und Vorsitzender des Betriebsrats, wird am 30. November 2005 letztmals 
die Stechuhr passieren. Mit 54 Jahren, nach drei Jahrzehnten im Betrieb, 
hört er freiwillig auf, "um keinem jüngeren Kollegen den Arbeitsplatz 
wegzunehmen". Er bekommt dann 80 Prozent seines Gehalts. Wie vertreibt er 
sich die Zeit als Rentner? "Ich weiß es nicht." Tennis und Gartenarbeit 
allein reichen ihm nicht. Deshalb wartet er in aller Ruhe auf eine Wende: 
"Den Wiedereinstieg in die Kernenergie werde ich noch erleben."