StZ: "Blankes Entsetzen" nach dem Vortrag des Atomexperten
Stuttgarter Zeitung, 29.11.04
> "Blankes Entsetzen" nach dem Vortrag des Atomexperten
> Entlassener Kraftwerkschef hatte mit Sicherheitskurs der EnBW
abgerechnet - Ministerium verschweigt Anlass der Trennung
Warum wurde der Atomexperte Eberhard Grauf als Reaktorchef in
Neckarwestheim gefeuert? Bis heute wird darüber gerätselt. Mit Fragen der
Sicherheit, hieß es stets, habe der Fall nichts zu tun. Interne Dokumente
belegen: Genau darum ging es im vorausgegangenen Streit.
Von Andreas Müller
Der Umweltminister lobte sich selbst. Bei der Atomaufsicht, berichtete
Stefan Mappus (CDU) unlängst in einem Festvortrag, habe er in wenigen
Monaten "einige neue Akzente gesetzt". Besonders wichtig sei ihm, dass
die Aufsichtsbehörde - also sein Haus - "transparent arbeitet" und eine
"aktive Öffentlichkeitsarbeit" betreibe. Man habe es schließlich mit
kritischen Medien zu tun.
Nun aber gerät Mappus in einen bösen Verdacht. Hat sein Ministerium,
entgegen den schönen Worten, statt Information Desinformation betrieben?
Diesen Eindruck erweckt ein Vorgang im Gemeinschaftskernkraftwerk
Neckarwestheim (GKN), der plötzlich in einem völlig anderen Licht
erscheint als bisher offiziell dargestellt.
Die Vorgeschichte ist bekannt: Ende Juni war der Vorstandschef der
Energie Baden-Württemberg (EnBW), Utz Claassen, zu Besuch in
Neckarwestheim. Neben einer Betriebsversammlung gab es auch eine
Diskussion mit Führungskräften. Zwei Tage später wurde der Leiter des
zweiten Reaktorblocks, Eberhard Grauf, Knall auf Fall abgelöst. Der
Rauswurf verursachte bundesweit Aufsehen und Rätselraten: Was wurde dem
international renommierten Atomexperten, der auch in der
Reaktorsicherheitskommission des Bundes sitzt, zur Last gelegt?
Erst sagten das Ministerium und der Stromkonzern gar nichts. Dann, als
Grauf gegen die Entlassung klagte, nannte die EnBW Gründe: Es habe ein
"gravierendes Zerwürfnis" mit dem GKN-Management gegeben, der Reaktorchef
sei ein "querulatorischer" Typ, seine "verbalen Ausfälle" gegen
Vorgesetzte könne man nicht dulden. Die Arbeitsrichterin hielt die
Begründung für reichlich dünn, doch sie konnte die Vorgänge nicht mehr
klären: Grauf und die EnBW einigten sich außergerichtlich.
Wesentlich eingehender befasste sich das Ministerium mit dem Fall. Erst
forderte es "detaillierte Auskunft" von der EnBW. Die Antwort laut
Pressemitteilung: über die Reaktorsicherheit habe es "zu keiner Zeit
unterschiedliche Auffassungen gegeben". Dann vernahm die Atomaufsicht
Grauf selbst und weitere Teilnehmer der Besprechung. Das offizielle
Ergebnis: es gebe "keinerlei Anhaltspunkte" dafür, dass ein Streit über
Sicherheitsfragen zur Trennung führte. Anfang November musste die
Befragung auf Wunsch des Bundesumweltministeriums wiederholt werden. Der
Befund blieb der gleiche: "Fragen des sicheren Betriebs", wurde den
Medien mitgeteilt, hätten bei dem Rauswurf keine Rolle gespielt. Damit
sollte der leidige Fall endgültig zu den Akten gelegt werden.
Dumm nur, dass er dort nicht blieb. Die Protokolle der Befragung, die an
mehrere Ministerien gingen, liegen inzwischen auch der Stuttgarter
Zeitung vor. Sie zeichnen ein völlig anderes Bild der Vorgänge: Entgegen
allen Dementis ging es bei Graufs Vortrag vor Claassen und der
Managerrunde in erster Linie um Fragen der Reaktorsicherheit. Und da
äußerte sich der langjährige Kraftwerkschef äußerst kritisch über den
Kurs des Stromkonzerns.
Thema seiner Ausführungen waren die Konsequenzen aus den schweren
Sicherheitsverstößen 2001 im Kernkraftwerk Philippsburg. Dort war ein
Reaktor nach der Revision wieder angefahren worden, obwohl das
Notkühlsystem nicht ordnungsgemäß zur Verfügung stand - ein "Blindflug"
mit Folgen. Bei der EnBW mussten zwei Vorstände gehen, der damalige
Umweltminister Ulrich Müller geriet an den Rand des Rücktritts,
wochenlang stand der Atommeiler still. Erst als der damalige Konzernchef
Gerhard Goll ein neues Sicherheitsmanagement versprach, durfte der
Betrieb weitergehen.
Aus dem Debakel, musste Golls Nachfolger Claassen nun von Grauf hören,
habe man nichts gelernt. Das zeige ein Vorfall vom Frühjahr 2004, als in
Philippsburg leicht radioaktives Wasser ausgetreten war. Wieder hätten
mehrere Barrieren nicht gegriffen, wieder seien - angeblich beseitigte -
Organisationsdefizite die Ursache gewesen. Wenn Claassen den Vorfall mit
dem Hinweis relativiere, das Wasser wäre sogar trinkbar gewesen, verkenne
er die Tragweite. Mühsam aufgebautes Vertrauen werde auf diese Weise
wieder zerstört - nach dem Motto: "Ein Schritt vor, zwei Schritte
zurück". Der Chef von Philippsburg, Hans-Josef Zimmer, wies die Vorwürfe
entrüstet zurück. "Es musste der Eindruck entstehen, als sei Dr. Zimmer
unfähig", berichtete ein Zeuge.
Aber auch mit dem neuen Sicherheitsmanagement ging Grauf hart ins
Gericht. Die verschärfte Aufsicht habe dazu geführt, dass die Ingenieure
vorrangig "paperwork" - Papierarbeit - verrichteten. Dafür fehlten sie im
operativen Geschäft, wo man sie eigentlich dringender benötige. Unterm
Strich werde die Situation "eher schlechter als besser". Was die EnBW auf
Druck der Politik eingeführt habe, fuhr Grauf fort, seien "Alibi- und
Beruhigungsinstrumentarien". Damit wecke man Erwartungen, die zu "immer
größeren Diskrepanzen zwischen Anspruch und Wirklichkeit" führten. "Im
Anschluss an diese Darlegungen herrschte blankes Entsetzen", gab der
kaufmännische GKN-Geschäftsführer Wolfgang Heni zu Protokoll.
Doch Grauf war noch nicht am Ende. Erst äußerte er sich zum Problem von
"Innentätern", also Saboteuren in den eigenen Reihen: Allein mit einem
Schraubenzieher könne ein Schichtleiter einiges Unheil anrichten.
Kollegen hätten widersprochen, hieß es später, aber "Professor Claassen
war hiervon völlig verschreckt". Dann schilderte er die Stimmungslage in
der Belegschaft: Auf allen Ebenen herrsche Frust wegen unzumutbarer
Arbeitsbelastungen. Der "Götz-von-Berlichingen-Standpunkt" habe
inzwischen "in einem für den sicheren Betrieb eines Kernkraftwerks
bedenklichen Maß um sich gegriffen".
Die Runde war konsterniert. Eine solche Generalabrechnung, noch dazu in
Anwesenheit des Konzernchefs, hatte niemand erwartet. Claassen
verabschiedete sich mit dem süffisanten Hinweis, die Neckarwestheimer
müssten "in Managementfragen noch etwas nachlegen". Dann entschieden die
Zurückgebliebenen, nun führe an einer Trennung von Grauf aber nichts mehr
vorbei. Seine Kritik sei "destruktiv" und grob illoyal.
Egal, wie berechtigt die Bedenken des Atomexperten waren - wie konnte das
Ministerium in Kenntnis dieser Vorgänge monatelang behaupten, sein
Rauswurf habe mit dem Thema Sicherheit nichts zu tun gehabt? Mit den
wider Erwarten publik gewordenen Fakten konfrontiert, reagierte Mappus
recht einsilbig: Man bleibe bei der bisherigen Darstellung, ließ er
seinen Sprecher ausrichten. "Richtig ist aber auch", räumte er erstmals
ein, "dass Dr. Grauf in dem Gespräch am 30. Juni in GKN Sicherheitsfragen
kritisch angesprochen hat. Dies hat aber nicht zur Kündigung geführt." So
bekräftigt es auch die EnBW: Die bisher genannten Gründe gälten
unverändert. Und das Bundesumweltministerium äußert sich nur
sibyllinisch: "Die Befragung war aufschlussreich."