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StZ: Nur Gerlingen bekommt die Pille für danach nicht



Stuttgarter Zeitung, 10.11.04

> Nur Gerlingen bekommt die Pille für danach nicht

Die Verteilung von Jodtabletten im Landkreis für den atomaren Ernstfall 
sorgt für Beunruhigung statt Beruhigung

LUDWIGSBURG. Jodtabletten sollen im Falle eines Atomunfalls verhindern, 
dass die Schilddrüse radioaktive Stoffe aufnimmt. Im Landkreis Ludwigsurg 
werden zurzeit rund 150 000 Pillenschachteln verteilt. Das schafft 
allerdings Unruhe.

Von Verena Mayer

Neu ist das Thema nicht. Bereits im Januar dieses Jahres gab das 
Bundesumweltministerium bekannt, dass die Energieversorger 137 Millionen 
Kaliumjodidtabletten bestellt haben, die an Menschen verteilt werden 
sollten, die in der Nähe von Atomkraftwerken wohnen. Rechtzeitig 
eingenommen, sollen die Tabletten verhindern, dass die Schilddrüse 
radioaktive Stoffe aufnimmt. Inzwischen läuft im Landkreis Ludwigsburg, 
hinter dessen Markungsgrenze das Gemeinschaftskernkraftwerk Neckar (GKN) 
Strom erzeugt, die Verteilung der Tabletten. Doch was als 
Vorsichtsmaßnahme gedacht ist, trägt bei der Bevölkerung wenig zur 
Beruhigung bei.

Die Verteilung fällt in einen Zeitraum, in dem die Skepsis gegenüber dem 
Kraftwerk in Neckarwestheim (Kreis Heilbronn) groß ist.

Wird das Zwischenlager, das zurzeit gebaut wird, vielleicht doch zum 
Endlager? Haben die Tabletten etwas mit dem kontaminierten Wasser zu tun, 
das unlängst in den Neckar geleitet wurde? Oder mit dem Streit des EnBW-
Chefs mit dem Wirtschaftsminister, bei dem es um die Sicherheit im 
Kraftwerk geht? Das sind Fragen, die besorgte Bürger umtreiben. Doch 
damit stehe die Verteilaktion in "keinem Zusammenhang", sagt Susanne 
Weiß, die Sachbearbeiterin beim für den Katastrophenschutz zuständigen 
Innenministerium des Landes. Man setze lediglich eine Empfehlung der 
Strahlenschutzkommission aus dem Jahr 1999 um.

Demnach werden die bereits 1975 angeschafften Jodtabletten bis zum Ende 
dieses Jahres gegen neue und höher dosierte ausgetauscht. Bisher sind 
diese Tabletten zentral in den jeweiligen Kommunen gelagert worden. Zu 
den Empfehlungen der Strahlenschutzkommission gehört aber auch der 
Vorschlag, die Lagerung der Pillen neu zu organisieren. So müssen die 
Tabletten in Kommunen, die in einem Umkreis von bis zu zehn Kilometern 
vom GKN entfernt liegen, über Apotheken an die Haushalte direkt verteilt 
werden. Die Ausnahme: können Kommunen im Fünf- bis -zehn-Kilometer-Radius 
die Verteilung binnen vier Stunden sicherstellen, dürfen sie die 
Präparate weiter zentral lagern. Für Kommunen im Umkreis von zehn bis 25 
Kilometern ändert sich nichts. Sie müssen die Tabletten weiter bei sich 
lagern.

Im Landkreis Ludwigsburg geht nach Angaben des Landratsamts einzig 
Gerlingen leer aus. Die Stadt liegt mehr als 25 Kilometer vom 
Kernkraftwerk in Neckarwestheim entfernt und müsste bei einem atomaren 
Unfall mit Tabletten aus einem der bundesweit sieben Zentrallager 
versorgt werden. In den restlichen 38 Kreiskommunen werden insgesamt 148 
780 Packungen mit jeweils 20 Jodtabletten verteilt.

Wolfram Scheffbuch, der Vorsitzende des Bundes der Bürgerinitiativen 
Mittlerer Neckar (BBMN), erachtet den Vorschlag, die Tabletten direkt an 
die Haushalte zu geben, als sinnvoll. So seien sie sofort verfügbar. 
Gleichwohl könnten die Tabletten nicht verhindern, dass "bei einem großen 
Störfall tausende von Menschen sterben". Der BBMN will Flugblätter 
verteilen, die über die Jodtabletten und die Gefahren der Atomenergie 
informieren sollen. "Die Bevölkerung", sagt Scheffbuch, "wird auf jeden 
Fall sensibilisiert, dass sie ein Atomkraftwerk in der Nähe hat und dass 
jederzeit etwas passieren kann."

(Kasten) 

Warum Jodtabletten?

Jodtabletten sollen im atomaren Ernstfall die Anreicherung des 
radioaktiven Jods in der Schilddrüse verhindern und Gesundheitsschäden 
vermeiden. Erwachsene, die älter als 45 Jahre sind, sollen solche Pillen 
jedoch nicht nehmen, da bei ihnen das Nebenwirkungsrisiko größer 
eingeschätzt wird als der Schutz vor Strahlenschäden. Die Ausgabe der 
Tabletten ist eine Vorsorgemaßnahme. Sie dürfen nur eingenommen werden, 
wenn bei einem Unfall radioaktives Jod freigesetzt wurde, und auch dann 
erst nach der "amtlichen Gefahrendurchsage" über das Radio.

Das abgestufte Abgabekonzept teilt die Kommunen im Kreis Ludwigsburg wie 
folgt ein: In Gemmrigheim, Kirchheim, Besigheim, Bönnigheirn und Walheim 
müssen die Tabletten an die Haushalte ausgegeben werden; in Mundelsheim, 
Großbottwar, Ingersheim, Pleidelsheirn und Bietigheim-Bissingen können 
sie unter Umständen weiter bei den Kommunen aufbewahrt werden; bei den 
anderen Kommunen, außer Gerlingen, werden sie weiter dort gelagert.	ena