AP: Erstes Todesopfer bei Protest gegen Castor-Transport
AP, 07.11.04
> Erstes Todesopfer bei Protest gegen Castor-Transport
Nancy (AP) Zum ersten Mal ist bei einer Protestaktion gegen einen Castor-
Transport ein Atomgegner tödlich verunglückt. Ein 21-jähriger Franzose
wurde am Sonntagnachmittag in Lothringen von dem Zug mit zwölf
Atommüllbehältern überrollt. Er wollte sich nach Polizeiangaben zusammen
mit anderen zwischen den Ortschaften Luneville und Igney-Avricourt an den
Bahnschienen anketten und wurde gegen 14.35 Uhr von dem Zug erfasst,
obwohl der Lokführer noch die Notbremse ausgelöst hatte. Deutsche
Atomkraftgegner kamen in mehreren Städten zu Demonstrationen zusammen.
Der Zug mit zwölf Castor-Behältern war am Samstagabend bei der
Wiederaufarbeitungsanlage La Hague in der Normandie abgefahren. Am
Sonntagmittag war er kurz vor Nancy für zwei Stunden zum Halten
gezwungen, weil sich zwei Umweltschützer an die Gleise gekettet hatten.
Die Gruppe von Atomgegnern, die sich bei Avricourt an die Gleise ketten
wollte, wurde von dem Zug überrascht, wie die französische Polizei
berichtete. Dem 21-jährigen Sébastian B. aus dem Département Meuse sei
ein Bein abgetrennt worden. Trotz sofortigen Rettungseinsatzes sei er auf
dem Weg ins Krankenhaus gestorben. Mindestens ein weiterer Demonstrant
sei verletzt worden.
Rund drei Stunden nach dem Unfall setzte der Zug seine Fahrt fort. Um
20.32 Uhr passierte er die Grenze bei Lauterburg im Elsass. Nach dem Halt
in Wörth sollte er am späten Sonntagabend durch Rheinland-Pfalz, Baden-
Württemberg und Hessen weiterfahren. Am Zielbahnhof Dannenberg wird der
Zug im Lauf des Montags erwartet.
Die deutsche Polizei und der Bundesgrenzschutz appellierten an die
Demonstranten, die Gefahr eines lebensgefährlichen Aufenthalts in den
Gleisen sehr ernst zu nehmen und sich trotz der tragischen Ereignisse
weiterhin besonnen zu verhalten.
Die Bezirksregierung Lüneburg hat Versammlungen entlang der
voraussichtlichen Transportwege verboten. Mehrere Gruppen von
Atomkraftgegnern hatten Protest-Aktionen wie «Sitzblockaden» angekündigt.
Am Samstag hatten rund 5.000 Menschen in Dannenberg friedlich
demonstriert.
Die Anti-Atom-Initiativen reagierten betroffen auf den Tod des jungen
Franzosen. In Wörth, am Bahnhof von Maximiliansau sowie am Hauptbahnhof
Karlsruhe fanden am Sonntagabend Mahnwachen statt. Im Hauptbahnhof von
Darmstadt demonstrierten nach Polizeiangaben 30 Menschen; die Polizei
sperrte den Gleisbereich ab. In Hamburg versammelten sich rund 400
Demonstranten, und in Berlin zogen rund 300 vom Alexanderplatz zum
Pariser Platz, wo eine Kundgebung stattfand.
Mehr als 1.000 Atomkraftgegner aus dem Landkreis Lüchow-Dannenberg trafen
sich zu einer Trauerkundgebung und einem Trauerzug in Hitzacker. Die
Bürgerinitiative sagte alle weiteren geplanten Aktionen für den Sonntag
ab und will auch am Montag eine weitere Trauerkundgebung veranstalten.
Der Sprecher der BI, Francis Althoff, sagte: «Wir sind alle schwer
geschockt, entsetzt und bestürzt.»
Die Organisation Robin Wood, die «spektakuläre Aktionen mit Witz und
Fantasie» angekündigt hatte, erklärte am Sonntag, ihr Protest werde
«einen anderen Charakter haben als in den vergangenen Jahren - einen
voller Trauer, Entsetzen und stiller Wut». Auf Nachfrage erklärte
Vorstandssprecher Jürgen Sattari, das bedeute nicht, dass auf Blockaden
verzichtet werde. Man wolle vielmehr noch vorsichtiger vorgehen.