ddp: Umweltaktivist von Castorzug überrollt und getötet - Trauerkundgebung im Wendland - Transport mit großer Verspätung
ddp, 07.11.04
> Umweltaktivist von Castorzug überrollt und getötet - Trauerkundgebung
im Wendland - Transport mit großer Verspätung
Dannenberg (ddp-nrd). Der Atommülltransport ins niedersächsische
Zwischenlager Gorleben wird vom Tod eines französischen Umweltaktivisten
überschattet. Der junge Mann hatte sich zwischen den Ortschaften
Luneville und Igney-Avricourt an die Schienen gekettet und wurde von dem
Castorzug überrollt. Bei dem Unfall soll der 21-Jährige beide Beine
verloren haben und kurz darauf seinen schweren Verletzungen erlegen sein.
Im Wendland sagten Atomkraftgegner alle für Sonntagabend geplanten
Protestaktionen ab. Mehrere hundert Umweltschützer gedachten auf einer
Trauerkundgebung in Hitzacker mit einer Schweigeminute dem verunglückten
Aktivisten. Für Montagnachmittag wurde eine weitere Trauerkundgebung
angekündigt.
Die Nachricht vom Tod des jungen Franzosen sorgte bei Polizei und
Atomkraftgegnern für Bestürzung. Es herrsche «Gefühlschaos» mit
Entsetzen, Wut und Trauer, sagte der Sprecher der Gruppe x-tausendmal
quer, Jochen Stay, auf der Trauerkundgebung. Die Umweltschützer hatten
teilweise Kerzen angezündet, hielten Laternen mit dem Symbol des
Widerstands, einem X, oder schlichte schwarze Trauerfahnen in Händen.
Die Einsatzleitstelle der Polizei in Lüneburg konnte am Sonntagabend noch
keine näheren Angaben zum genauen Hergang des Unglückes machen. Momentan
liefen die Ermittlungen der französischen Behörden, hieß es.
Polizeigesamteinsatzleiter Friedrich Niehörster und der
Abteilungspräsident im Bundesgrenzschutz, Hans-Georg Lison, drückten den
Angehörigen ihr Mitgefühl aus. Lison appellierte an die Demonstranten,
dass ein Aufenthalt in den Gleisen lebensgefährlich sei. Niehörster bat
die Demonstranten, «sich trotz der tragischen Ereignisse weiterhin
besonnen zu verhalten».
Der Atommülltransport aus der französischen Wiederaufbereitungsanlage La
Hague war am Samstagabend gestartet und sollte ursprünglich am
Sonntagnachmittag die deutsch-französische Grenze passieren.
Umweltaktivisten stoppten den Zug allerdings bereits am Sonntagvormittag
in der Nähe von Nancy. Zwei junge Atomkraftgegner hatten sich an die
Gleise gekettet.
Nach Informationen von «X-tausendmal quer» konnte der Zug seine Fahrt
erst nach etwa zwei Stunden fortsetzen. Die französische Polizei habe
schweres Gerät einsetzen müssen, um die Aktivisten von den Schienen zu
entfernen. 15 bis 20 weitere Menschen seien festgenommen worden, hieß es.
Bereits vor dem tödlichen Unfall soll der Zug eine rund dreistündige
Verspätung gehabt haben. Im Wendland, wo tausende Atomkraftgegner am
Samstag und Sonntag mit Kundgebungen, Musik und bunten Veranstaltungen
friedlich gegen den Transport demonstriert hatten, löste der Tod des
jungen Mannes Entsetzen aus. «Wir sind total schockiert», sagte der
Sprecher der Bürgerinitiative Lüchow-Dannenberg, Francis Althoff. Es sei
nicht nachvollziehbar, dass es zu einem solchen Unglück kommen konnte.
Schließlich fliege in Frankreich ein Hubschrauber vor dem Castortransport
her.
Auch in Südwestdeutschland reagierten Atomkraftgegner mit
Trauermahnwachen auf den tödlichen Unfall. Gedenkveranstaltungen für den
Toten waren unter anderem in Wörth und am Karlsruher Hauptbahnhof
geplant.
Nach Angaben der Bürgerinitiative ist der Transport falsch deklariert.
Die zwölf Castoren enthielten laut Deklaration «abgebrannte
Brennelemente», tatsächlich aber handele es sich um so genannte
Glaskokillen. Die vom Bundesamt für Strahlenschutz erteilte
Transportgenehmigung beziehe sich ausschließlich auf Glaskokillen. Es sei
nicht nachvollziehbar, wie schlampig trotz wochenlanger
Transportvorbereitung mit dem hohen Gefahrenpotenzial der Behälter
umgegangen werde. In einem Katastrophenfall müsse sich die Feuerwehr auf
eine eindeutige und richtige Deklaration verlassen können.
Die Castoren sollten ursprünglich am Montag am Verladebahnhof in
Dannenberg eintreffen. Dort werden sie auf Tieflader verladen, um die
letzten 20 Kilometer zum Zwischenlager Gorleben auf der Straße
zurückzulegen. (Quellen: Polizei auf ddp-Anfrage; Anti-Atom-Initiativen
auf ddp-Anfrage und in Mitteilungen)