Taz: Stille nach dem Castor-Tod
Taz, 08.11.04
> Stille nach dem Castor-Tod
Die Stimmung war fröhlich bei den Gegnern des Atomtransports. Der Castor
lag in Frankreich hinter seinem Zeitplan. Dann kam die Nachricht, dass
ein Demonstrant von dem Zug überrollt wurde
AUS DANNENBERG
MARCO CARINI
Zunächst war alles wie immer. Sogar etwas fröhlicher. Denn im
Dannenberger Infozelt der Anti-AKW-Gruppen sorgte die Nachricht, dass der
Castor in Frankreich schon über eine Stunde zum Stillstand gezwungen
wurde, für Jubel. Mehrere Umweltaktivisten hatten sich unweit von Nancy
mittels zuvor unter den Gleisen verankerter Rohre an den Schienen
angekettet, die der Zug mit zwölf Behältern voll hochradioaktiver
Glaskokillen auf seiner Fahrt nach Deutschland passieren muss.
Doch dann kam die entsetzliche Nachricht, ein Demonstrant sei von dem
Castor-Zug überrollt worden und habe beide Beine verloren. Ein
Sanitäterteam kämpfe um sein Leben. Kurze Zeit später wurde bekannt, der
junge Mann sei gestorben. Was das für die Protestaktionen der kommenden
Tage im Wendland bedeutet, war gestern noch unklar. Eine für den Abend
geplante Veranstaltung wurde zur Trauerkundgebung.
Über Wochen haben sich gestern beide Seiten planmäßig auf den Castor-
Transport vorbereitet: Polizei und Bundesgrenzschutz ihre Einsatzpläne
geschmiedet, Umweltschützer und Atomgegner ihre Aktionen vorbereitet, mit
denen die strahlende Fracht auf ihrem Weg ins Atommülllager Gorleben
immer wieder aufgehalten werden soll.
Der Dannenberger Verladebahnhof, auf dem die Atommüllbehälter auf mehrere
Tieflader umgesetzt werden sollen, ist vom Bundesgrenzschutz kleinräumig
abgeriegelt. Beiderseits der Gleise türmt sich Natodraht. Im ganzen
Wendland patrouillierten olivgrüne und grünweiße Mannschaftswagen. 12.000
Polizeibeamte sind im Einsatz.
Die Atomkraftgegner hingegen hatten mit einer mit über 5.000 Teilnehmern
unerwartet gut besuchten Auftaktdemo am Samstag ein erstes Signal
gesetzt, dass der Castor-Widerstand nicht bröckelt. Metzingen, ein
kleiner Ort unweit der Bahnstrecke, wurde komplett in ein Scheunen-Camp
verwandelt.
Niemand weiß, wie viele aktionsbereite Menschen sich in der Region
befinden und ob sich ihre Zahl durch den Unfall verändert. Der Widerstand
ist dezentral organisiert, seine Strategien und Brennpunkte gehören zu
den am besten gehüteten Geheimnissen. Das Lüneburger
Oberverwaltungsgericht hatte am Samstag ein umfassendes
Versammlungsverbot der Bezirksregierung bestätigt, die jede Demonstration
auf der Transportstrecke untersagt hatte.
Kurzzeitig keimte sogar die Hoffnung auf, die ganzen Vorbereitungen
umsonst gemacht zu haben. Die Castor-Behälter, die am Samstag um 21 Uhr
die französische Wideraufbereitungsanlage in La Hague verlassen haben,
sind offenbar falsch deklariert: Der auf den Begleitpapieren ausgewiesene
Inhalt weist keinen in Glaskokillen eingeschmolzenen Atommüll aus, wie er
sich in den Behältern befindet und in der gültigen Transportgenehmigung
beschrieben wird, sondern abgebrannte Brennelemente.
"Ein Transport mit falschen Frachtpapieren darf aus rechtlichen Gründen
die deutsche Grenze nicht passieren", hofft Dieter Melk von der
Bürgerinitiative Umweltschutz Lüchow-Dannenberg. Eine Erklärung der
niedersächsischen Polizei allerdings zerstört diese Illusion schnell: Die
Falschdeklaration sei nach amtlicher Einschätzung "ohne rechtliche
Relevanz".
Neben dem Demonstranten in Frankreich wurden auch sechs Beamte des
Bundesgrenzschutzes (BGS) in Baden-Württemberg im Zusammenhang mit dem
Castor-Transport verletzt. Wie der BGS mitteilte, musste der Konvoi aus
sechs Fahrzeugen auf der Autobahn 8 bei Pforzheim wegen eines Staus
halten. Ein Lastwagenfahrer bemerkte die stehenden Fahrzeuge allerdings
zu spät und fuhr auf das Stauende auf. Durch die Wucht des Aufpralls
wurden drei BGS-Fahrzeuge ineinander geschoben. Ein Beamter wurde schwer,
die anderen leicht verletzt. Der Lastwagenfahrer erlitt ebenfalls leichte
Verletzungen.
taz Nr. 7508 vom 8.11.2004, Seite 7, 131 Zeilen (TAZ-Bericht), MARCO
CARINI