AP: Castor-Transport nach Gorleben passiert Hannover
AP, 08.11.04
> Castor-Transport nach Gorleben passiert Hannover
Lüneburg (AP) Der von einem tödlichen Unfall in Frankreich überschattete
Atommülltransport ins niedersächsische Zwischenlager Gorleben hat am
Montagmorgen Hannover passiert. Dies teilte die Einsatzleitung der
Polizei in Lüneburg mit. Während der Fahrt des 660 Meter langen Zugs mit
zwölf Behältern hochradioaktiver Abfälle durch Rheinland-Pfalz und Hessen
nahm die Polizei in der Nacht mindestens 14 Atomkraftgegner kurzzeitig in
Gewahrsam.
Gegen 06.00 Uhr musste der 2.900 Tonnen schwere Zug, der in der
französischen Wiederaufarbeitungsanlage La Hague gestartet war, in
Göttingen kurzzeitig anhalten, weil sich zehn Atomkraftgegner an der
Bahnstrecke aufhielten. Die Gruppe habe die Gleise zwar nicht blockiert,
sagte ein Polizeisprecher. Nach dem tödlichen Unfall im französischen
Lothringen, bei dem Sonntag ein 21-jähriger Atomkraftgegner von dem
Castor-Zug überrollt worden war, habe der Zug aber vorsorglich einige
Minuten gestoppt. Der junge Mann hatte sich zusammen mit anderen zwischen
den Ortschaften Luneville und Igney-Avricourt an den Schienen anketten
wollen und wurde von dem Zug erfasst, obwohl der Lokführer noch die
Notbremse ausgelöst hatte.
Im Landkreis Lüchow-Dannenberg, wo der Transport vormittags erwartet
wurde, war die Lage nach Polizeiangaben weiterhin ruhig. Eine der beiden
Strassenstrecken von Dannenberg nach Gorleben sei aber in der Ortschaft
Langendorf weiterhin durch etwa 20 Traktoren blockiert.
Wegen des Todesfalls rief die Bürgerinitiative Lüchow-Dannenberg für
Montagnachmittag ab 13.00 Uhr zu einer Trauerkundgebung in Splietau bei
Dannenberg auf. Sie sollte auf einer Wiese 50 Meter von der
Transportstrecke entfernt ausserhalb der Verbotszone stattfinden.
Auch die Initiative X-tausendmal quer erklärte, Symbole der Trauer würden
die weiteren Demonstrationen dominieren. Der Protest werde anders
durchgeführt als ursprünglich geplant. Vorgesehen waren Sitzblockaden auf
der Nordstrecke in Langendorf und auf der Südstrecke in Gross-Gusborn.
«Wir tragen so unsere Trauer auf die Strasse», sagte X-tausendmal-quer-
Sprecherin Marianne Koch am Montag. «Zuerst waren wir sprachlos und wie
gelähmt. Doch mehr und mehr wächst das Bedürfniss vieler Menschen im
Wendland, ihrer Betroffenheit konkreten Ausdruck zu verleihen.»
Während des Transports durch Hessen nahm die Polizei nach einer
Demonstration von 59 Castor-Gegnern im Bahnhof Darmstadt vier Personen
kurzzeitig in Gewahrsam. Nach dem Durchlauf des Zugs wurden sie wieder
entlassen. Auch in Fulda und Bebra gab es in der Nacht Mahnwachen; in
Bebra wurden zwei Demonstranten in Gewahrsam genommen.
In Rheinland-Pfalz waren allein in der Südpfalz rund 1.250 Beamte von
Polizei und Bundesgrenzschutz im Einsatz, um den sicheren Transport zu
gewährleisten. Im Bereich Wörth wurden 6 Platzverweise ausgesprochen; es
erfolgten insgesamt 10 Ingewahrsamnahmen. Eine Demonstration in
Maximiliansau und mehrere Einzelkundgebungen verliefen laut Polizei
insgesamt friedlich.