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FAZ: Die letzten 70 Kilometer sind die schwierigsten



Frankfurter Allgemeine Zeitung, 08.11.04

> Castor-Transport
> Die letzten 70 Kilometer sind die schwierigsten

07. November 2004 Der Castor-Zug auf dem Wegn ins Atommüll-Zwischenlager 
Gorleben hat nach Angaben der Atomkraftgegner am Montag vormittag 
Hannover erreicht und wird am Nachmittag in der Umladestation Dannenberg 
erwartet. Ungeachtet  des Todes eines 21 Jahre alten Demonstranten in 
Frankreich rüsteten die Bürgerinitiativen im Wendland auch für 
Sitzblockaden, um ihren Protest auszudrücken.

Die letzten rund 70 Kilometer sind die schwierigsten, weil dort der 
Widerstand der Kernkraftgegner am größten ist. Auf der etwa 50 Kilometer 
langen Bahnstrecke Lüneburg-Dannenberg lieferten sich Sicherheitskräfte 
und Castor-Gegner in den vergangenen Jahren oft ein Katz-und-Maus-Spiel. 
Immer wieder blockierten Demonstranten die Gleise. Im Frühjahr 2001 
betonierten sich vier Mitglieder der Umweltorganisation Robin Wood im 
Gleisbett fest und stoppten den Transport für rund 17 Stunden.

„Sehr hoher Sicherheitsstandard”
Trauer herrscht unter Anti-Castor-Domonstranten nach dem Unglück

Der Tod des französischen Demonstranten wird für die  Sicherung des 
umstrittenen Castor-Transportes in Deutschland keine Konsequenzen haben. 
„Wir haben schon einen sehr hohen Sicherheitsstandard und werden mit 
diesem Stand so weiter machen”, sagte Torsten Oestmann, Sprecher der 
Einsatzleitung. Es werde keine Änderungen am Konzept geben.

Die Polizei fürchtet aber, daß nach dem Vorfall in Frankreich die 
autonome Szene den Castor-Transport als Plattform für Gewalttaten nutzen 
könnte. „Wir sind darauf vorbereitet, daß gewaltbereite Autonome auf die 
Bestürzung aufspringen und den in letzter Zeit friedlichen Protest ins 
Gegenteil umkippen lassen”, meinte Oestmann.
Während Greenpeace-Aktivisten gegen den Castor demonstrierten, 
verunglückte ein Aktivist in Frankreich.

Der Franzose, der sich an die Gleise gekettet hatte, um den Zug 
aufzuhalten, wurde im lothringischen Avricourt vom Zug überrollt und 
verlor beide Beine. Kurz darauf erlag der 23jährige seinen Verletzungen. 
Rettungskräfte versuchten vergeblich, ihn am Unglücksort wiederzubeleben. 
Es handelt sich um den schwersten  Unfall, der sich bei einem Castor-
Transport ereignete. Der Transport der Atommüll-Container wurde daraufhin 
unterbrochen. Drei Stunden nach dem tragischen Zwischenfall hat der Zug 
seine Fahrt aber fortgesetzt. Zwischenzeitlich hatte die 
Staatsanwaltschaft sich des Falles angenommen.

„Wir sind total schockiert”

Wie es zu dem Unglück rund 60 Kilometer von der deutschen Grenze entfernt 
kommen konnte, sei noch unklar. Möglicherweise habe sich der Unfall in 
einer Kurve ereignet. „Wir sind total schockiert”, sagte Francis Althoff, 
Sprecher einer Bürgerinitiative im Kreis Lüchow-Dannenberg.

Bundesumweltminister Jürgen Trittin hat sich „bestürzt und entsetzt” über 
den Tod des jungen Franzosen geäußert. Er habe sein Mitgefühl mit den 
Angehörigen und Freunden des Opfers seinem französischen Kollegen Serge 
Lepeltier in einem Telefonat übermittelt, erklärte Trittin am 
Sonntagabend in Berlin. Er erwarte, daß die Umstände  und 
Verantwortlichkeiten für den tragischen Unfall lückenlos aufgeklärt 
würden. „Was immer die Aufklärung der Umstände zutage fördern wird: Der 
Tod des jungen Demonstranten mahnt alle Beteiligten zur Besonnenheit”, 
fügte der Minister hinzu. Kein Ziel rechtfertige es, das eigene Leben 
oder die Gesundheit anderer zu gefährden.

„Gefühlschaos” mit Entsetzen, Trauer und Wut

Mit einer Schweigeminute haben mehrere hundert Menschen im Wendland des 
in Frankreich getöteten Atomkraftgegners gedacht. Sie versammelten sich 
am Sonntagabend zu einer Trauerkundgebung in Hitzacker. Die Nachricht 
habe bei ihm ein „Gefühlschaos” mit Entsetzen, Trauer und Wut ausgelöst, 
sagte der Sprecher der Initiative „X-tausendmal quer”, Jochen Stay, auf 
der Kundgebung.

Die Umweltschützer hielten teilweise Kerzen in den Händen, schwenkten 
Laternen mit dem Symbol des Widerstands, einem X, oder hielten schlichte 
schwarze Trauerfahnen in der Hand. Auch in Südwestdeutschland reagierten 
Atomkraftgegner mit Trauermahnwachen auf den tödlichen Unfall. 
Gedenkveranstaltungen für den Toten waren unter anderem in Wörth und am 
Karlsruher Hauptbahnhof geplant.

Schon gegen Mittag hatte der Castor-Transport vorübergehend gestoppt 
werden müssen. Wie die südwestdeutschen Anti-Atominitiativen am Sonntag 
erklärten, war der Castor-Zug vor Nancy für rund eine Stunde von 
Atomkraftgegnern blockiert worden. Zwei Personen hätten sich an die 
Gleise gekettet. Erst gegen 13.20 Uhr habe der Zug weiterfahren können. 
Inzwischen wurde er abermals abermals angehalten.

Knapp 20 Atomkraftgegner festgenommen

Nach Angaben der Anti-Atom-Initiativen wurden nach Auflösung der Blockade 
durch die französische Polizei knapp 20 Atomkraftgegner festgenommen. Am 
Bahnhof Nancy hätten zudem etwa 60 Menschen gegen den Atommülltransport 
demonstriert. Der Zwangsaufenthalt des Zuges wurde in Sicherheitskreisen 
bestätigt. Der Castor-Transport, der zunächst gegen 14.30 Uhr in 
Deutschland erwartet wurde, sollte nun erst gegen 17.00 Uhr den Bahnhof 
im pfälzischen Wörth erreichen.

Nach Angaben der südwestdeutschen Anti-Atom-Initiativen ist der Castor-
Transport falsch deklariert. Die Frachtpapiere des Zuges lauteten nicht 
auf hochradioaktiven Atommüll, wie er faktisch an Bord sei, sondern 
lediglich auf „abgebrannte Brennelemente”. Daher sei beim Zollamt 
Saarbrücken Anzeige erstattet worden. Der Zug mit zwölf Castor-Behältern 
aus der Wiederaufarbeitung im französischen La Hague war am Samstagabend 
gestartet.

Proteste in Löchow-Dannenberg gehen weiter - Abermals friedlich

Im Landkreis Lüchow-Dannenberg protestierten am Sonntagmorgen wieder 
mehrere hundert Atomkraftgegner mit verschiedenen kleineren Aktionen 
gegen die Atommülllieferung. Unter anderem beteiligten sie sich an einer 
Fahrradtour von der Castor-Umladestation in Dannenberg zum Gorlebener 
Endlagerbergwerk, an einer weiteren Fahrradrallye in der Nähe der 
Bahnstrecke von Lüneburg nach Dannenberg oder an einer Demonstration hoch 
zu Roß zwischen den beiden Straßenstrecken, auf denen Castor-Behälter von 
Dannenberg nach Gorleben gebracht werden können. Auf der nördlichen 
Straßenstrecke demonstrierten am Samstagabend zudem 60 Landwirte mit 
Traktoren.

Nach Polizeiangaben waren die Proteste abermals völlig friedlich. In 
Maximiliansau bei Karlsruhe demonstrierten nach Angaben der 
südwestdeutschen Anti-Atominitiativen rund 80 Menschen. Die Polizei 
sprach von einem Dutzend Demonstranten.

Im Verlauf des Samstags hatten bereits rund 5.000 Atomkraftgegener ohne 
Zwischenfälle im Wendland protestiert. Die Bürgerinitiative Lüchow-
Dannenberg sprach von 6.000 Demonstranten, die Polizei von bis zu 4.500 
„absolut friedlichen” Teilnehmern.