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Welt: Tragödie beim Castor-Transport



Die Welt, 08.11.04

> Tragödie beim Castor-Transport
> Atomkraft-Gegner in Frankreich von Zug überrollt - Wachsender 
Widerstand im Wendland

Nancy -  Die Castor-Transporte haben ein erstes Todesopfer gefordert: In 
der Nähe von Avricourt in Lothringen überrollte der Zug mit Atombehältern 
am Sonntagnachmittag einen 23-jährigen Demonstranten. Wie die 
französische Polizei in Nancy mitteilte, starb der junge Mann wenig 
später auf dem Weg ins Krankenhaus. Mindestens ein weiterer Demonstrant 
sei bei dem Unfall verletzt worden, hieß es. Der Transport mit zwölf 
Behältern hochradioaktiven Mülls war am Samstagabend in Richtung Le Hague 
gestartet. Über Nancy, Straßburg, Karlsruhe und Mannheim war der Zug 
unterwegs zum Zwischenlager Gorleben. Deutsche Atomkraftgegner in 
Deutschland reagierten mit Erschütterung auf den tödlichen Unfall.

Dem 23-Jährigen, der aus dem lothringischen Département Meuse stammt, 
wurde bei dem Unfall nach Polizeiangaben ein Bein abgetrennt. Trotz 
sofortigen Rettungseinsatzes sei er seinen Verletzungen erlegen. 
Einzelheiten waren zunächst nicht bekannt. Der Unfall soll sich gegen 15 
Uhr ereignet haben. Die Polizei sprach von einem weiteren Verletzten. Ein 
Sprecher der Anti-Atomkraftorganisation Sortir du Nucleaire, Gilbert 
Poirot, sagte, insgesamt seien drei Demonstranten verletzt worden. Am 
Mittag hatte der Atomtransport kurz vor Nancy zwei Stunden anhalten 
müssen, weil sich zwei Umweltschützer an die Gleise gekettet hatten. 
Gegen 13.20 Uhr war er weitergefahren.

In Deutschland sorgte der Tod des 23-Jährigen für Trauer und 
Erschütterung. Die Bürgerinitiative Lüchow-Dannenberg erklärte, sie sei 
"sehr betroffen und bestürzt". Man berate gegenwärtig über Konsequenzen 
des Unglücks für die weiteren gegen den Transport geplanten 
Protestaktionen, teilte das Pressebüro der BI in Dannenberg mit. Bis 
Redaktionsschluß lag noch keine ausführliche Erklärung vor. Heidi Klein 
vom Aktionsbündnis "X-tausendmal quer" erklärte jedoch, man habe "alle 
kulturellen Veranstaltungen und alles, was bunt und lustig ist" rund um 
den Castor-Transport abgesagt. In Hitzacker sollte am Abend eine 
Trauerveranstaltung stattfinden. Über alles Weitere werde noch beraten. 
"Wir wissen auch noch nicht so richtig, wie wir damit umgehen sollen", 
sagte Klein.

Die südwestdeutschen Anti-Atominitiativen brachen ihre Protestaktionen in 
Maximiliansau bei Karlsruhe ab. Auf eine ursprünglich geplante 
Abschlußkundgebung wurde verzichtet. Die Atomkraftgegner seien nach dem 
Eintreffen der Nachrichten aus Frankreich schockiert, sagte Sprecher Eric 
Tschöp: "Keiner wünscht sich, daß so etwas passiert." Es herrsche nun 
eine gedrückte Stimmung unter den Demonstranten. Das Bündnis lud für 18 
Uhr zu einer Mahnwache vor dem Karlsruher Hauptbahnhof ein. Der 
Polizeisprecher Michael Lindner im pfälzischen Wörth erklärte, der 
tödliche Unfall bei Avricourt werde keine Auswirkungen auf die Taktik der 
Sicherheitskräfte haben. Eine Verstärkung von Polizei und 
Bundesgrenzschutz sei nicht notwendig: "Unsere 
Vorgehensweise zielt darauf ab, derartige Vorfälle möglichst 
auszuschließen." Polizei und BGS hatten bei den vergangenen Castor-
Transporten mit massiver Präsenz entlang der Zugstrecke ein Vordringen 
von Demonstranten zum Gleis stets verhindert.

Die Proteste in Deutschland gegen den Atom-Transport waren zuvor 
friedlich verlaufen. Im Landkreis Lüchow-Dannenberg protestierten am 
Sonntagmorgen mehrere hundert Atomkraftgegner mit verschiedenen kleineren 
Aktionen gegen die Atommüllieferung. Unter anderem beteiligten sie sich 
an einer Fahrradtour von der Castor-Umladestation in Dannenberg zum 
Gorlebener Endlagerbergwerk, an einer weiteren Fahrradrallye in der Nähe 
der Bahnstrecke von Lüneburg nach Dannenberg oder an einer Demonstration 
hoch zu Ross zwischen den beiden Straßenstrecken, auf denen Castor-
Behälter von Dannenberg nach Gorleben gebracht werden können. In 
Maximiliansau bei Karlsruhe demonstrierten nach Angaben der 
südwestdeutschen Anti-Atominitiativen rund 80 Menschen. Es hatten bereits 
rund 5000 Atomkraftgegner ohne Zwischenfälle im Wendland protestiert.  DW