FTD: Castor-Gegner von Transportzug überrollt
Financial Times D., 08.11.04
> Castor-Gegner von Transportzug überrollt
[Von ftd.de, 08:09, 08.11.04]
Zum ersten Mal ist bei einem Castor-Transport ein Atomgegner ums Leben
gekommen. Ein junger Franzose wurde am Sonntagnachmittag in Lothringen
von dem Zug mit Atombehältern überrollt.
Nach einem Unfall beim Castor-Transport im lothringischen Avricourt ist
nach Polizeiangaben am Sonntag ein junger Mann gestorben. Nach Angaben
der französischen Polizei in Nancy handelt es sich um einen 23-Jährigen
aus dem lothringischen Département Meuse. Bei dem Unfall wurde ihm ein
Bein abgetrennt. Trotz sofortigen Rettungseinsatzes sei er auf dem Weg
ins Krankenhaus gestorben. Mindestens ein weiterer Demonstrant sei bei
dem Unfall verletzt worden, hieß es.
Wie die Polizei mitteilte, geriet der Atomkraftgegener unter den Zug. Wie
Eric Tschöp, Sprecher der südwestdeutschen Anti-Atominitiativen
berichtete, hatte sich der Betroffene an das Gleis gekettet.
Nach Tschöps Worten ereignete sich der Unfall etwa gegen 15.00 Uhr. Wie
es zu dem Unglück kommen konnte, sei noch unklar. Möglicherweise habe
sich der Unfall in einer Kurve ereignet.
Deutsche Einsatzleitung reagiert mit Erschütterung
Der Castor-Transport war am Samstagabend in der französischen
Wiederaufbereitungsanlage La Hague in Richtung Gorleben aufgebrochen. Er
besteht aus 12 Behältern mit Atommüll, die in Gorleben zwischengelagert
werden sollen.
Bei der deutschen Einsatzleitung habe die Nachricht vom Tod des jungen
Mannes tiefe Bestürzung hervorgerufen, teilte der Bundesgrenzschutz mit.
Polizeipräsident Friedrich Niehörster und der Abteilungspräsident im BGS,
Hans-Georg Lison, drückten ihr Mitgefühl für die Angehörigen des
Getöteten aus. Dennoch sagte Lison: "Trotz aller Bestürzung muss ich
darauf hinweisen, dass ein Aufenthalt in den Gleisen lebensgefährlich
ist. Ich bitte alle Demonstranten, diese Gefahr sehr ernst zu nehmen."
Polizeipräsident Niehörster appellierte an alle Protestteilnehmer, "sich
trotz der tragischen Ereignisse weiterhin besonnen zu verhalten."
Protestaktionen abgebrochen
Die südwestdeutschen Anti-Atominitiativen brachen ihre Protestaktionen in
Maximiliansau bei Karlsruhe ab. Auf eine ursprünglich geplante
Abschlusskundgebung wurde verzichtet. Die Atomkraftgegner seien nach dem
Eintreffen der Nachrichten aus Frankreich schockiert, sagte Sprecher
Tschöp: "Keiner wünscht sich, dass so etwas passiert." Es herrsche nun
eine gedrückte Stimmung unter den Demonstranten. Das Bündnis lud zu einer
Mahnwache vor dem Karlsruher Hauptbahnhof ein.
Proteste in Nancy
Am Sonntagabend versammelten sich mehrere hundert Menschen zu einer
spontanen Trauerkundgebung im niedersächsischen Hitzacker. Ausgestattet
mit Kerzen und Laternen forderten sie die "Stilllegung aller Atomanlagen
weltweit". Landwirte aus der Region nahmen mit ihren Traktoren an der
Kundgebung teil, die friedlich verlief.
Bereits bei Laneuveville-devant-Nancy war der Castor-Transport zwei
Stunden lang aufgehalten worden, weil sich dort zwei Demonstranten an die
Gleise gekettet hatten. Dabei waren 20 Atomkraftgegner festgenommen
worden. Am Bahnhof Nancy hätten zudem etwa 60 Menschen gegen den
Atommülltransport demonstriert.
Die Bürgerinitiative Lüchow-Dannenberg hat sich über den tödlichen Unfall
eines französischen Atomgegners "sehr betroffen und bestürzt" gezeigt.
Man berate gegenwärtig über Konsequenzen des Unglücks für die weiteren
gegen den Transport geplanten Protestaktionen, teilte das Pressebüro der
BI in Dannenberg weiter mit. Noch am Sonntagabend werde man eine
ausführliche Erklärung zu dem Unglück abgeben. Heidi Klein vom
Aktionsbündnis "X-tausendmal quer" sagte, man habe "alle kulturellen
Veranstaltungen und alles, was bunt und lustig ist" rund um den Castor-
Transport abgesagt.
Deutsche Polizei wird nicht verstärkt
Der Polizeisprecher Michael Lindner sagte im pfälzischen Wörth, eine
Verstärkung von Polizei und Bundesgrenzschutz sei nicht notwendig:
"Unsere Vorgehensweise zielt darauf ab, derartige Vorfälle möglichst
auszuschließen." Polizei und BGS hatten bei den vergangenen Castor-
Transporten mit einer massiven Präsenz entlang der Zugstrecke ein
Vordringen von Demonstranten zum Gleis stets verhindert.
Nach Angaben der südwestdeutschen Anti-Atom-Initiativen ist der Castor-
Transport falsch deklariert. Die Frachtpapiere des Zuges lauteten nicht
auf hochradioaktiven Atommüll, wie er faktisch an Bord sei, sondern
lediglich auf "abgebrannte Brennelemente". Daher sei beim Zollamt
Saarbrücken Anzeige erstattet worden.
Friedliche Demonstrationen im Wendland
Im Landkreis Lüchow-Dannenberg protestierten am Sonntagmorgen erneut
mehrere hundert Atomkraftgegner mit verschiedenen kleineren Aktionen
gegen die Atommülllieferung. Unter anderem beteiligten sie sich an einer
Fahrradtour von der Castor-Umladestation in Dannenberg zum Gorlebener
Endlagerbergwerk, an einer weiteren Fahrradrallye in der Nähe der
Bahnstrecke von Lüneburg nach Dannenberg oder an einer Demonstration hoch
zu Ross zwischen den beiden Straßenstrecken, auf denen Castor-Behälter
von Dannenberg nach Gorleben gebracht werden können.
Auf der nördlichen Straßenstrecke demonstrierten am Samstagabend zudem 60
Landwirte mit Traktoren. Nach Polizeiangaben waren die Proteste erneut
völlig friedlich.
Im Verlauf des Samstags hatten bereits rund 5000 Atomkraftgegner ohne
Zwischenfälle im Wendland protestiert. Die Bürgerinitiative Lüchow-
Dannenberg sprach von 6000 Demonstranten, die Polizei von bis zu 4500
"absolut friedlichen" Teilnehmern.