AP: Sicherheit geht vor bei Castor-Blockaden
AP, 08.11.04
> Sicherheit geht vor bei Castor-Blockaden
Lüneburg (AP) Bei den spektakulären Blockadeaktionen der deutschen
Atomkraftgegner steht eines ganz vorne: Sicherheit. «Wenn nur einmal
etwas passiert, dann können wir einpacken», sagt Jürgen Sattari von der
Umweltschutzorganisation Robin Wood. Nach dem Tod des erst 21 Jahre alten
französischen Kernkraftgegners unter dem Castorzug blickte Deutschland am
Montag besorgt in Richtung Wendland, wo seit Jahren immer wieder junge
Menschen unter Einsatz ihres Lebens gegen die Atommülltransporte
protestieren.
Wie zum Beispiel im März 2001: In einer bitterkalten Nacht hatten sich
vier Demonstranten nahe der Ortschaft Süschendorf im Gleisbett
angekettet. So fest hängen ihre Arme unter den Schwellen, dass selbst die
top-ausgerüsteten Techniker des BGS sie zunächst nicht losbekommen. Der
Zug mit dem Atommüll muss für einige Stunden wieder zurückrollen in einen
gesicherten Bahnhof. In der Widerstands-Szene gilt das noch heute als
eine der erfolgreichsten Aktionen in der Geschichte des Atom-
Widerstandes.
Was nur wenige wussten: Nicht nur das Anketten, auch die Sicherheit der
Blockierer wurde im Detail geplant: «Wir machen die Sicherheit unserer
Aktivisten nicht von Dritten abhängig», sagt Sattari. Robin Hood wartet
also nicht darauf, dass der Lokführer alles sieht und den Zug rechtzeitig
bremst. «Wir hatten die Einsatzleitung informiert, hatten Polizisten an
der Strecke auf die Blockade aufmerksam gemacht und Posten an der Strecke
aufgestellt, die Warnzeichen gaben», erinnert er sich. Der Plan ging auf,
800 Meter vor der Blockade kam der Zug zum Stehen.
Aber auch die Polizei ist wachsam. «Wir verlassen und nicht auf den
Lokführer», berichtet Jürgen Menzel aus der Einsatzzentrale in Lüneburg.
Stattdessen beobachten Beamte zumindest auf den kritischen letzten 50
Kilometern von Lüneburg nach Dannenberg die Strecke. «Außerdem sprechen
die Einsatzkräfte immer wieder die Demonstranten in der Nähe der Gleise
an und warnen vor der Gefahr der Züge. Laut Menzel rufen aber nicht alle
Blockierer wie die von Robin Wood bei der Polizei an.
Außerdem fliegt auf dem letzten Abschnitt immer ein Hubschrauber vor dem
Zug und kontrolliert die Strecke. Einmal wurde sogar ein Schaufelbagger
auf Schienenrädern vorweg geschickt, um eventuelle Blockaden zu räumen.
Das Anketten ist eine alte und erprobte Protestform der Atomkraftgegner,
aber andere gefährliche Aktionen werden immer beliebter. So besetzte
Robin Wood im vergangenen Jahr den Förderturm des Erkundungsbergwerkes
Gorleben, das nach dem Willen der Stromerzeuger einmal zum Endlager
werden soll. Nur mit einem Seil gesichert hingen die Robin Wood-Leute an
dem Bauwerk.
Vor Jahren hatte ein anderer Demonstrant ein Seil zwischen zwei Bäume auf
der Strecke des Straßentransportes gespannt und sich selbst darangehängt.
Es dauerte Stunden, bis die Polizei ihn heruntergeholt hatte. Greenpeace-
Aktivisten baumelten vor Jahren von einer Eisenbahnbrücke, über die der
Zug rollen sollte.
Soweit bekannt, ist bei den Blockadeaktionen bisher noch kein Demonstrant
durch den Zug, die Transportlastwagen oder Unfälle zu Schaden gekommen.
Das änderte sich oft, wenn die Polizei mit der Räumung begann. Robin Wood-
Sprecher Sattari erinnert sich an einen fest geketteten Kollegen, an dem
die Polizei bis zur Grenze herumzerrten. Auch das Räumen von
Sitzblockaden geht oft nach Ansicht der Atomkraftgegner oft unnötig
brutal ab.