ND: Mit Tempo 100 in die Kurve
Neues Deutschland, 09.11.04
> Mit Tempo 100 in die Kurve
> Reaktionen in Frankreich auf den tragischen Tod von Sebastian B.
Von Ralf Klingsieck, Paris
Das Unglück, bei dem gestern ein Castor-Gegner in Lothringen ums Leben
kam, ist bislang nicht im Detail aufgeklärt.
In den meisten französischen Medien wurde der Tod des Atomkraftgegners
Sebastian B. gestern als Kurznachricht unter »Vermischtes« vermeldet.
Bestenfalls wurde noch hervorgehoben, dass es sich um den ersten Toten
bei solchen Protestaktionen in Frankreich handelt.
Ausführlicher befasste sich mit dem Unglück nur die linksliberale Zeitung
»Libération«, die ihren Artikel mit den Worten begann: »Die Atomkraft hat
gestern getötet.« Weiter kommentiert »Libération«: »Nichts rechtfertigt,
dass in einer freien und demokratischen Gesellschaft Menschen für ihre
Überzeugung sterben.« Daran ändere auch die Tatsache nichts, dass die
Atomkraft in Frankreich einen breiten Konsens genießt und eine Diskussion
darüber nur schwer möglich ist. Die Zeitung schätzt ein, dass die
Organisatoren der Aktion, die so tragisch endete, höchstwahrscheinlich
die elementaren Sicherheitsvorkehrungen missachtet haben.
Das Opfer gehörte zu einer Gruppe von acht jungen Männern, die sich 40
Kilometer östlich von Nancy auf den Gleisen angekettet hatten, um den
Atommüll-Zug zum Stehen zu bringen. Die Gruppe hatte sich im Wald
versteckt, bis ein Kradfahrer der Gendarmerie, der wenige Minuten vor dem
Zug die Strecke abfuhr, vorbei war. Dann stürmten sie auf die Gleise,
schlossen sich mit Schlössern an Stangen fest, die vorher unter den
Gleisen durchgeführt worden waren. Der Unglücksort befand sich 200 Meter
hinter einer Kurve, so dass der Lokführer die Angeketteten zu spät sah,
um trotz einer Notbremsung den 400 Meter langen und 2000 Tonnen schweren
Zug noch rechtzeitig zum Stehen zu bringen. Während sich die anderen
Teilnehmer der Aktion noch freimachen konnten, blieb Sebastian B. aus
unbekannter Ursache fest gekettet. Der Zug überfuhr ein Bein, und das
Opfer verblutete, bevor medizinische Hilfe zur Stelle war.
Über Sebastian B. ist bislang nur bekannt, dass er 22 Jahre alt wurde und
aus dem lothringischen Département La Meuse stammte, wo Frankreichs
Endlager für hochradioaktiven Müll gebaut wird. »Wir vermuten, dass der
Mann nicht rechtzeitig das Schloss öffnen konnte, um noch freizukommen«,
erklärte Gilbert Poirot vom Verein »Sortir du Nucléair« (Abkehr von der
Atomkraft). Poirot hatte seinerseits am Vormittag bei Luneville eine
ähnliche Aktion durchgeführt, bei der der Castor-Zug zum Stehen gebracht
wurde, bis die Polizei die Aktivisten losgetrennt und abgeführt hatte.
»Von dieser anderen Gruppe wussten wir nichts. Sie hat wahrscheinlich
ihre Sicherheit vernachlässigt. Normalerweise finden solche Aktionen auf
freier Strecke statt, man macht durch Fackeln auf sich aufmerksam, und
wenn man merkt, dass es problematisch wird, lässt man es lieber bleiben«,
so Poirot. Angesichts dieses tragischen Ereignisses müsse man »sich
fragen, ob und wie wir unsere Aktionen überdenken sollten«.
Dagegen erklärte Jean-Yvon Landrac, Sprecher des französischen Netzwerks
für den Atomausstieg gegenüber dem Internet-Magazin »Telepolis«, es habe
sich um eine »erfahrene Gruppe« gehandelt. Es sei unglaublich, dass der
Zug mit einer so gefährlichen Fracht mit 100 Stundenkilometern durch eine
Kurve fährt. Und das, obwohl der Hubschrauber für die Luftüberwachung
gerade zum Tanken geflogen war, wie der vor Ort die Untersuchung leitende
Staatsanwalt Michel Senthille gegenüber der Presse mitteilte.
Yannick Jadot, Direktor für die Kampagnen von Greenpeace France,
erklärte: »Dieses dramatische Unglück zeugt davon, dass die Wut unter den
Bürgern über die Verschleierung und die Gefahren der Atomkraft in
Frankreich größer wird und immer mehr Menschen dazu bringt, sich zu
engagieren und dabei mitunter auch unkalkulierte Risiken einzugehen.«
Mireille Ferri, Sprecherin der Partei der Grünen, äußerte sich »zutiefst
schockiert«. Von der Betreiberfirma der Wiederaufbereitungsanlage in La
Hague, Cogema, fordern die Grünen, derartige Atommülltransporte quer
durch Europa sofort einzustellen. Ferri appellierte an die Regierung, zum
Thema Atomkraft und vor allem Atommüll endlich »eine wirklich
demokratische Debatte zu organisieren, in die alle Teile der Gesellschaft
einbezogen werden«.
Der staatliche französische Kernkraftkonzern Areva versuchte gestern,
jede Polemik und Provokation zu vermeiden, und sprach von einem
»tragischen Unfall«.
(ND 09.11.04)