BZ: Wütende Proteste begleiten den Castor-Transport
Berliner Zeitung, 09.11.04
> Wütende Proteste begleiten den Castor-Transport
> Trotz des tödlichen Unglücks in Frankreich setzten Atomkraftgegner
Blockaden fort / Appelle zur Besonnenheit
Sigrid Averesch und Axel Veiel
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BERLIN/PARIS, 8. November. Nach seiner Fahrt durch Deutschland hat der
Castor-Transport ins niedersächsische Zwischenlager Gorleben am
Montagnachmittag die Umladestation Dannenberg erreicht. Dort wurden die
zwölf Behälter mit Atommüll auf Lastwagen verladen um ins rund 20
Kilometer entfernte Zwischenlager Gorleben gebracht zu werden. Es wurde
erwartet, dass der Straßentransport noch in der Nacht zum Dienstag
erfolgt. Allerdings blockierten am Abend hunderte Gegner beide Routen
nach Gorleben.
Ungeachtet des Todes eines 23-jährigen Anti-Atom-Aktivisten in Frankreich
am Sonntag gingen die wütenden Proteste gegen den Transport in
Deutschland weiter. Noch in der Nacht zu Montag hatten sich Vertreter der
verschiedenen Protestgruppen, darunter auch Greenpeace und Robin Wood,
getroffen, um die Folgen aus dem ersten tödlichen Unfall bei den Castor-
Protesten zu besprechen.
"Die Menschen im Wendland und ihre Unterstützer haben sich entschieden,
ihren Widerstand weiter deutlich zu machen", teilte der Sprecher der
Bürgerinitiative Lüchow-Dannenberg, Dieter Metk, anschließend mit. Es
entspreche den Absichten des getöteten jungen Franzosen, den friedlichen
Protest fortzusetzen. Metk kritisierte, dass der "Todeszug im doppelten
Wortsinn" nicht gestoppt geworden sei. So wurde auch am Vormittag der Zug
zwischen Celle und Uelzen kurzzeitig blockiert. Nach Auskunft der
Initiative "X-tausend-Mal quer" gab es eine Ankettaktion.
Demgegenüber riefen am Montag Politiker, Gewerkschaften und die Deutsche
Bahn die Demonstranten zu Besonnenheit auf. Die Grünen-Europaabgeordnete
Rebecca Harms, die die Bürgerinitiative Lüchow-Dannenberg mitgegründet
hatte, hielt nach dem Unfall in Frankreich Aktionen auf normal befahrenen
Bahnstrecken für zu riskant. Sie mahnte die Atomkraftgegner, nicht immer
größere Risiken einzugehen, um spektakuläre Schlagzeilen zu liefern. Der
niedersächsische Grünen-Landesvorstand forderte die wendländischen Castor-
Gegner auf, auf Schienenblockaden zu verzichten.
Die Deutsche Bahn AG appellierte ebenfalls an die Protestierer, sich "zu
ihrem eigenen Schutz" an die Anweisungen der Behörden zu halten und
gefährliche Aktionen auf den Gleisen zu vermeiden. "Wer Bahngleise
betritt, begibt sich in Lebensgefahr", sagte ein Bahnsprecher der
Berliner Zeitung. Er verwies darauf, dass ein Zug nicht schnell zu
stoppen ist, sondern lange Bremswege benötigt. Der Castor-Zug ist rund
400 Meter lang und über 2 000 Tonnen schwer. Der Vize-Vorsitzende der
Gewerkschaft der Polizei, Bernhard Witthaupt, rief die Demonstranten dazu
auf, sich nicht an die Gleise anzuketten. Die Deutsche
Polizeigewerkschaft verwies darauf, dass Blockaden als Straftaten
verfolgt werden.
Aus Polizeikreisen hieß es unterdessen, dass ein Unglück, wie es sich in
Frankreich ereignete, auch in Deutschland nicht ausgeschlossen werden
kann. Allerdings würden viele Sicherheitsvorkehrungen getroffen. So
kreist ein Hubschrauber des Bundesgrenzschutzes über dem Castor-
Transport. Die Besatzung ist mit Wärmebildkameras ausgestattet, so dass
auch im Dunkeln Blockierer geortet werden können. Dass der Zug
unbeobachtet bleibt, weil der Hubschrauber aufgetankt werden muss, halten
Sicherheitskreise allerdings für ausgeschlossen. Dies war bei dem Unfall
in Frankreich so geschehen. Zudem sind an der mehr als fünfhundert
Kilometer langen Strecke zwischen der französischen Grenze und Lüneburg
tausende Polizisten im Einsatz.
In Frankreich sind Atomkraftgegner und Staatsanwaltschaft inzwischen
einvernehmlich der Ansicht, dass der junge Umweltschützer leichtsinnig
gehandelt hat. Wie Staatsanwalt Michel Senthille in Nancy mitteilte,
konnte der dem Castor-Transport vorausfahrende Gendarm die geplante
Blockade nicht bemerken, da die Umweltschützer Ketten und andere
Gerätschaften zum Anhalten des Zugs unter dem Schotter versteckt hätten.
Der Lokführer des mit etwa 80 Stundenkilometer fahrenden Zuges habe den
hinter einer Kurve gelegenen Schauplatz des Protests erst spät sehen
können. Trotz einer Notbremsung hatte die Lokomotive den 23-jährigen
Sebastian Briard aus Meuse erfasst, der sich ans Gleis gekettet hatte und
offensichtlich das Schloss nicht mehr rechtzeitig öffnen konnte.
"Wir sind von dem Vorfall überrascht, wir kannten die acht Demonstranten
aus unserer Stadt nicht", versicherte am Montag Corinne Francois, eine
über den Ort hinaus bekannte Umweltschützerin aus Meuse. Wie Gilbert
Poirot, ein Atomkraftgegner aus dem Elsass, hob auch Francois darauf ab,
dass die Demonstranten aus Meuse nicht die bei Zugblockaden üblichen
Sicherheitsvorkehrungen getroffen hätten. Weder hätten Fackelträger den
Lokführer einen Kilometer vor der Blockade auf den bevorstehenden Protest
aufmerksam gemacht, noch sei für die Blockade ein übersichtlicher
Streckenabschnitt ausgewählt worden. (mit AP)