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Libération zum Tod von Sebastien



Libération, 10.11.04

Übersetzung von graswurzelrevolution - 10.11.2004 20:33

Weitere Hintergründe zum Tod von Sebastien - Übersetzung aus Libération, 
Dienstag 9.11.2004, S. 11 (Übersetzung: Lou Marin, Graswurzelrevolution)
"Und wenn das Hindernis ein LKW gewesen wäre?"

Atomkraft. Fragen zur Geschwindigkeit des Transports für (Atom-, fehlt im 
frz. Text, d.Ü.) Abfälle, der Sébastien Briard überfuhr

"Die Menschen sterben und die Atomzüge fahren durch." Gilbert Poirot, 
Anti-AKW-Aktivist aus dem Elsaß, ging gestern zurück an die Stelle, an 
der Sébastien Briard, 21 Jahre, am Sonntag sein Leben verlor, als er von 
einem Zug überfahren wurde, der 12 Behälter mit nuklearen Abfällen, 
eingehüllt in Glaskokillen, in Richtung Gorleben in Norddeutschland 
transportierte. Um gegen die Gefahren solcher Transporte zu protestieren, 
hatte sich der Jugendliche an die Gleise angekettet. Der Zug, der aus 
einer Kurve gefahren kam und mit einer Geschwindigkeit "von 98 
Stundenkilometern" fuhr, habe nicht mehr rechtzeitig halten können, 
präzisierte gestern der Staatsanwalt aus Nancy. Gleichzeitig sei es 
Sébastien Briard nicht gelungen, sich freizumachen. Warum? Gestern 
schwieg die Staatsanwaltschaft gänzlich zur Entwicklung ihrer 
Untersuchung.

Gilbert Poirot hat seinerseits Schlüsse aus seiner eigenen Untersuchung 
der Örtlichkeiten gezogen: "Mit reduzierter Geschwindigkeit hätte der Zug 
an einer solchen Stelle durchaus rechtzeitig halten können." "Im 
Gegensatz zu dem, was der Staatsanwalt sagte, ist die Kurve an dieser 
Stelle relativ offen ("ouvert", evtl. auch langgezogen, d.Ü.) und die 
Sichtweite liegt bei mehr als 200 Metern", fügte er hinzu. Seiner Ansicht 
nach muss die Geschwindigkeit des Zuges hinterfragt werden: "Seit es 
diese Art Aktionen gibt, wissen wir, dass die Züge ihren Zeitrückstand 
aufholen, wenn sie von einer Blockade aufgehalten wurden." Am Sonntag war 
der Zug in Laneuveville-Devant-Nancy von zwei ebenfalls an den Gleisen 
angeketteten Demonstranten zwei Stunden lang blockiert worden. Er ist 
dann um 13.20 Uhr weitergefahren und hat Sébastien Briard kurz nach 14.30 
Uhr 40 km vor dem Bahnhof von Avricourt überfahren. Konnte er anhalten? 
Oder ist er im Gegenteil sehr schnell gefahren, um seinen Zeitrückstand 
aufzuholen? Und weitere Fragen tauchen auf. Nach unseren Informationen 
hatte der Zug eine Erlaubnis "MA-100", die eine Maximalgeschwindigkeit 
von 100 Stundenkilometern zuließ. Demnach fuhr der Zug mit einer 
zugelassenen Geschwindigkeit. Und trotzdem immer noch viel zu schnell, 
behauptet die Gewerkschaft "Sud Rail". "Die Anweisung hätte lauten 
müssen, 'vorsichtig' weiterzufahren", erklärt Dominique Malvaux von 
dieser Gewerkschaft. Eine solche Anweisung hätte der Möglichkeit Rechnung 
getragen, dass der Zug "dazu fähig sein muss, vor einem Hindernis 
anzuhalten", und zwar jederzeit. "Das hätte bedeutet, gerade in Kurven 
maximal 20 oder 30 Stundenkilometer zu fahren", fährt Sud Rail fort. "Es 
gibt beträchtliche Widersprüche, nicht nur über die Daten, sondern auch 
bei den staatlichen Behörden und der SNCF (den französischen 
Staatsbahnen, d.Ü.), die wussten, dass in der gesamten Region Elsaß-
Lothringen ein großes Risiko bestand, auf Anti-Atom-Demonstrationen zu 
treffen. Presseerklärungen über geplante Aktionen waren überall im 
Umlauf. Trotzdem sind keine besonderen Maßnahmen getroffen worden. Und 
wenn das Hindernis ein LKW gewesen wäre und kein Demonstrant?", 
kritisiert Malvaux.

Aber wer war dafür zuständig, dem Zugführer eine Anweisung zu geben, mit 
"vorsichtiger Geschwindigkeit" zu fahren? Gestern gab jeder den Ball an 
andere weiter. "Es sind das Ministerium und die Cogema, die solcherart 
Transporte überwachen, wir selbst sind nur Ausführende", erklärte die 
SNCF. Die Cogema ihrerseits antwortet: "Cogema Logistics ist für den Zug 
lediglich bis zur Abfahrt aus dem Bahnhof von Valogne verantwortlich. Die 
Sicherheit ist Angelegenheit der CRS (Bundespolizei, d.Ü.), der SNCF und 
den Beamten des Verteidigungsministeriums in Paris-Bercy." Für letzteres 
erklärte Didier Lallemand gegenüber Libération, "nichts über ein Vorgehen 
mit 'vorsichtiger Geschwindigkeit' zu wissen. Ich gebe nur die 
Autorisierung für den Transport. Ich bin zusammen mit dem Innenminister 
dafür verantwortlich, dass die Schutzbedingungen für nukleare Materialien 
eingehalten werden. Ich schreibe der SNCF nicht vor, wie der Zug zu 
fahren hat." Auf Anfrage von Libération hatte das Transportministerium, 
das der SNCF vorsteht, bis gestern keine Antwort parat. Der Atomtransport 
erreichte das Ziel seiner Reise in Gorleben/Deutschland am Abend.

Thomas Calinon (Strasbourg) und Matthieu Écoiffier
Kasten: Transporte "unter Geheimhaltung"

Ein Erlass vom August 2003 bedroht mit einer Gefängnisstrafe ohne 
Bewährung bis zu fünf Jahren diejenigen, die gegen die Geheimhaltung der 
"Schutz- und Kontrollmaßnahmen nuklearer Materialien" verstoßen. Nach 
Regierungsangaben fiel der Transport atomarer Abfälle in Glaskokillen vom 
Sonntag nicht unter diesen Erlass. Doch im Netzwerk "Sortir du nucléaire" 
kritisierte man/frau gestern eine widersprüchliche Folgeerscheinung: 
"Früher konnten wir auf unserer Internet-Seite Zeitangaben, Art der 
Beladung und Sicherheitsmaßnahmen angeben. Jetzt ist das verboten. Infos 
zum Streckenverlauf vom Sonntag sind erst am Samstag über deutsche 
Internetseiten zu uns durchgedrungen." Rührt vielleicht daher eine 
größere Tendenz zur Improvisation bei den Aktionen?