StZ:; Angekettete Castorgegner zahlen Geldbuße
Stuttgarter Zeitung, 11.11.04
> Angekettete Castorgegner zahlen Geldbuße
Toter in Lothringen sensibilisiert Gericht - Atomkraftgegner haben
Lokführer gewarnt
HEILBRONN. Ein ausgeklügeltes Warnsystem hat zwei junge Männer aus
Heidelberg vergangenes Jahr davor bewahrt, von einem Castortransport
überrollt zu werden. In Deutschland sind Atomkraftgegner und Polizei
offenbar vorsichtiger als in Frankreich.
Von Wieland Schmid
Der Tod eines Castordemonstranten in Frankreich hat auch ein
Gerichtsverfahren gegen zwei seiner deutschen Gesinnungsgenossen in
Heilbronn nicht kalt gelassen. Nach vier Verhandlungstagen mit
komplizierten juristischen Diskussionen stellte gestern eine
Amtsrichterin das Strafverfahren gegen zwei junge Männer wegen
gemeinschaftlicher Nötigung im Rahmen eines Castortransports gegen
Geldbußen ein. Dabei wurde auch gewürdigt, dass die Demonstranten mehrere
Sicherheitsvorkehrungen getroffen hatten, um nicht von dem Zug überrollt
zu werden.
Am 10. November vergangenen Jahres hatte ein Castortransport von
Frankreich nach Gorleben im Norden des Landkreises Heilbronn stoppen
müssen. Auf der Strecke zwischen Züttlingen und Möckmühl war der
Lokführer des 300 Meter langen Zuges drei
mal auf eine bevorstehende Gefahr aufmerksam gemacht worden. Bei einer
Geschwindigkeit zwischen 80 und 90 Stundenkilometern sah er zuerst eine
rot blinkende Lampe am Streckenrand aufleuchten. Das gilt als
internationales Haltzeichen. Wenig später überfuhr der Zug ein über die
Schienen gebreitetes Leintuch mit der Aufschrift "Vorsicht". Einen
Kilometer weiter sah der aufgeschreckte Lokführer ein Transparent mit
einer Warnblinklampe und fuhr nur noch im Schritttempo. Etwa vier
Kilometer nach dem ersten Warnzeichen kam der Castortransport rechtzeitig
zum Stehen. In den nächsten Stunden hatten Bundesgrenzschutzbeamte alle
Hände voll zu tun, um zwei lebende Hindernisse direkt am Gleis zu
beseitigen.
Ein 20-Jähriger, der gerade sein freiwilliges soziales Jahr ableistet,
und ein 29 Jahre alter Student hatten sich selbst in eine scheinbar
hilflose Lage gebracht. Die Mitglieder einer Gruppe aktiver
Atomkraftgegner hatten sich an einem nur über Steilhänge und Wiesen
erreichbaren Gleisstück links und rechts neben den Schienen auf den Boden
gelegt. Der rechte Arm des einen und der linke Arm des anderen steckten
in einem Stahlrohr, das unter den Schienen durchgeschoben worden war. Die
Arme waren mit Handschellen, Ketten und Vorhängeschlössern aneinander
gefesselt. "Die haben das sehr professionell gemacht", sagte die
Heilbronner Jugendrichterin Claudia Oestreich. Es gab keinen Widerstand,
als Bundesgrenzschützer die Ketten durchschnitten und die Protestierer
vom Gleis wegzogen.
Sie hätten diese gefährliche Form des Widerstands gewählt, weil sie keine
andere Möglichkeit der Einflussnahme auf Politik und eine gleichgültige
Bevölkerung mehr sehen würden, sagten die Angeklagten vor Gericht. "Das
haben die Staatsanwaltschaft und ich denen abgenommen", sagte die
Richterin, nachdem sie das Verfahren eingestellt hatte. "Sie haben keine
Stahlplatte über die Schienen gelegt, sondern sich nur selbst gefährdet."
Der Student akzeptierte eine Geldbuße von 750 Euro, sein Freund eine Buße
von 270 Euro. "Der tödliche Unfall in Frankreich führte ihnen vor Augen,
was passieren kann", sagte die Richterin über die Angeklagten -
"Vielleicht führt sie das zur Vernunft."
Aktionen dieser Art gefährden allerdings nicht nur die Atomkraftgegner.
1998 ist ein Bundesgrenzschutzbeamter bei Würzburg bei der Sicherung
eines Castorzugs ums Leben gekommen. Er wurde damals von einem Zug aus
der Gegenrichtung erfasst. Seitdem wird bei Demonstrationen immer der
gesamte Schienenverkehr unterbrochen.