HN-St: Können erneuerbare Energien den Atomstrom ersetzen?
Heilbronner Stimme, 22.11.04
> Können erneuerbare Energien den Atomstrom ersetzen?
Von Klaus Thomas Heck
"Baden-Württemberg vergeudet ein riesiges Wirtschaftspotenzial. Wenn wir
so weiter machen, importieren wir bald 60 bis 70 Prozent unseres
Strombedarfs", sagt Thomas Knapp. Der energiepolitische Sprecher der
Landes-SPD machte am Donnerstag in Neckarwestheim Station: bei der
Kreisdelegiertenkonferenz der SPD.
Bereits heute importiert der Südwesten ein Viertel seines Stroms aus
anderen Bundesländern oder Frankreich. Tendenz steigend. "Die
Arbeitsplätze entstehen anderswo", sagt Knapp und schätzt das Potenzial
auf zurzeit 3000 Stellen. "Der Jobmotor geht verloren."
Vom Aus der Kernenergie ist Baden-Württemberg besonders betroffen. Die
Atomkraftwerke in Neckarwestheim, Obrigheim und Philippsburg, die bis
2021 schrittweise abgeschaltet werden sollen, liefern zurzeit 60 Prozent
des Landes-Stroms. Eine Menge, die kaum ersetzbar ist.
Im Jahr 2000 hat die Landesregierung deshalb beschlossen, den Anteil
erneuerbarer Energien (Wind- und Wasserkraft, Solarenergie, Biogas oder
Geothermie) bis 2010 zu verdoppeln. 17 Millionen Euro pro Jahr müsste das
Wirtschaftsministerium in Förderprogramme oder zinsgünstige Darlehen
investieren. Tatsächlich fließen aber nur sieben Millionen. Knapp: "So
wird das Ziel nicht erreicht."
Chancen sieht er im Ausbau der Geothermie-Kraftwerke, von denen es im
Ländle bislang kein einziges gibt. Auch Windräder, etwa im
Nordschwarzwald, will er forcieren. "Wir sollten versuchen, jährlich 200
Windkraftanlagen planerisch sicherzustellen." Schließlich biete das
Erneuerbare-Energien-Gesetz der Bundesregierung Fördergelder. Da die
Windparks fast ausschließlich in Norddeutschland entstünden, verliere
Baden-Württemberg indirekt reichlich Arbeitsplätze. "Die Landesregierung
schläft."
Bei der Wasserkraft sei das Potenzial dagegen weitestgehend ausgereizt.
Schon heute erwirtschaften die Kraftwerke an Rhein, Donau und Neckar rund
sieben Prozent des Landes-Stroms. Der Verlust des Kernenergie müsse
deshalb auch durch den Bau fossiler Kraftwerke sowie durch Einsparungen
und Effizienzsteigerungen ausgeglichen werden. Ob die Strompreise durch
den Ausbau erneuerbarer Energien steigen? "Mittelfristig werden sie sogar
sinken", vermutet Knapp.
Bei den SPD-Delegierten stoßen seine Thesen auf viel Zustimmung. Der
Ausstieg aus dem Atomausstieg, den die CDU bereits diskutiert, ist für
die meisten kein Thema.
"Dass unser Landkreis zwei Atommeiler hat, aber keine einzige
Windkraftanlage, ist ein Skandal", meint Rolf Keller vom Ortsverein
Leingarten. "Atomstrom ist nicht sauber und auch nicht billig." Dass die
echten Kosten höher sind als offiziell veranschlagt, vermutet Thomas
Knapp: "Vor allem bei den Versicherungskosten wird viel Schmu getrieben."
Außerdem sei die Technik nicht beherrschbar. "Die Schwachstelle ist der
Mensch." Der EnBW wirft Knapp eine schlechte Informationspolitik und
"massive Ungereimtheiten" vor. Hinzu komme ein Kompetenzgerangel zwischen
Wirtschafts- und Umweltminister.
Trotzdem ist Klaus Schaffner (Bad Friedrichshall) skeptisch, dass sich
alternative Energien im Bewusstsein der Bevölkerung problemlos
durchsetzen lassen: "Ein Atomkraftwerk in Neckarwestheim stört im
Jagsttal doch keinen, aber bei einer Windkraftanlage kriegen sie sofort
einen Herzkasper."
22.11.2004 00:00