[älterer Artikel][Neuerer Artikel][Übersicht][

HN-St: Anti-Atom-Pillen im Neubürgerpaket?



Heilbronner Stimme, 04.11.04

> Anti-Atom-Pillen im Neubürgerpaket?

Von Joachim Rüeck

Wenn nach einem schweren Atomunfall Radioaktivität in die Umwelt kommt, 
sollen Jodtabletten die Bevölkerung rund um das Neckarwestheimer 
Kernkraftwerk vor Krebserkrankungen schützen. Die Verteilung der Pillen 
sorgt jedoch für Verwirrung.

Wenn auch ein Atomunfall üble Folgen haben würde - Schilddrüsenkrebs soll 
zumindest nicht dazu gehören. Deshalb hat die deutsche Energiewirtschaft 
137 Millionen Tabletten der Marke "Lannacher" bestellt, mit einer etwa 30 
Mal höheren Jod-Dosis als im Handel frei erhältliche Präparate. Sie 
sollen im Notfall dafür sorgen, dass die Schilddrüse kein radioaktives 
Jod mehr aus Luft oder Nahrung aufnehmen kann.

Der Bund hat die "Lannacher" gleich an die Länder weiterdelegiert, und 
schon gab es die ersten Differenzen: Schleswig-Holstein etwa verteilt die 
Anti-Atom-Pillen gleich an die Haushalte in Kraftwerksnachbarschaft, 
Hessen auch. Bayern dagegen nicht - damit sie die Leute nicht verlegen 
oder ohne Aufforderung panisch einnehmen.

30 Millionen Notfall-Tabletten sind die Ration für Baden-Württemberg. 
Mittlerweile sind sie nach dem Motto "Macht damit, was ihr wollt" von den 
Landratsämtern zu Gemeinden gelangt, die im Zehn-Kilometer-Radius eines 
Atomkraftwerks liegen. Einzige Vorgabe - die so genannte 
"ereignisunabhängige Vorverteilung". Sprich: Die Pille muss rasch zum 
Bürger, egal wie.

Vom Vertrieb via Apotheke über das Bürgerbüro bis hin zur Pillen-
Servicestelle im Rathaus reichen die Ideen der Gemeinden (siehe Artikel 
links). In Kirchheim und Bönnigheim liegen die Tabletten bereits seit 
Wochen in den Apotheken aus.

"Die Leute sind oft verunsichert und verängstigt", sagt Oliver Zaubitzer, 
Chef der Bönnigheimer Stadtapotheke. Grund ist das prinzipielle Unbehagen 
im Umgang mit dem Thema Atomkraft. Und die Tatsache, dass sich nicht 
jeder mit Jod vollstopfen sollte. Nicht einmal im Ernstfall. Für Leute 
über 45 Jahre ist das Risiko von Nebenwirkungen wohl erheblich größer als 
der Schutz. "Die haben uns eh' schon abgeschrieben", klagen Ältere in der 
Apotheke. Das Interesse hält sich ohnehin in Grenzen: Gerade einmal ein 
Viertel der 1000 Packungen in der Stadtapotheke ist abgeholt.

Zaubitzer hält die Verteilung der Tabs für sinnvoll. Sollte etwas 
passieren, müssten sie nicht erst ausgegeben werden. Genau das würde in 
Gemeinden der Fall sein, die mehr als zehn Kilometer vom Kernkraftwerk 
entfernt sind. Und je größer die Distanz zum Meiler, desto weiter weg das 
Lager, aus dem die Pillen herangeschafft werden müssten.

Sollte im engeren Umkreis wider Erwarten die flächendeckende Verteilung 
gelingen, stellt sich eine weitere Frage: Was ist mit Zuzügen? "Eine Idee 
ist, die Jodtabletten Neubürger-Paketen beizulegen", berichtet Nordheims 
Hauptamtsleiter Thomas Müller. Nicht unbedingt imagefördernd. Doch das 
Haus haben die Neubürger dann schließlich schon gebaut. Herzlich 
willkommen am Atomkraftwerk!

> So kommen die Jodtabletten an den Bürger

kin/jr. Elf Kommunen des Landkreises Heilbronn liegen in der Zehn-
Kilometer-Zone um das Neckarwestheimer Atomkraftwerk. Die Jodtabletten 
für einen möglichen radioaktiven Unfall wollen sie auf unterschiedliche 
Art und Weise an den Bürger bringen.

Wie die Haushalte an die Tabletten-Päckchen kommen, steht in 
Neckarwestheim und Abstatt noch nicht fest. "Wir haben es noch nicht 
geregelt", antwortet auch der Untergruppenbacher Ordnungsamtsleiter 
Michael Geiger auf die Nachfrage unserer Zeitung. Derzeit lagern die 
Pillen im Keller. Beilstein steckt ebenfalls noch in der Abklärungsphase. 
"Sinnvollerweise sollten die Apotheken sie verteilen", so Bürgermeister 
Günter Henzler.

Andere Gemeinden sind weiter. "Unser Apotheker ist bereit", sagt die 
Talheimer Hauptamtsleiterin Inga Molerus. "Er ist sachkundig, und die 
Leute holen bei ihm auch andere Medikamente ab", nennt sie die Vorteile. 
In Brackenheim können die Tabletten seit Dienstag, in Nordheim ab Mitte 
November in den Apotheken abgeholt werden. Diesen Weg strebt auch Flein 
an.

Ilsfeld dagegen will aus datenschutzrechtlichen Gründen die Liste der 
betroffenen Haushalte nicht aus der Verwaltung geben. "Die Bürger müssen 
es abholen", erklärt Hauptamtsleiter Sven Frank. Von 22. bis 26. November 
werden Pillen-Servicebüros im Ilsfelder Rathaus und in der 
Verwaltungsstelle Auenstein eingerichtet. Die Cleebronner wird der Weg 
zum Tabletten-Abholen ab 15. November ebenfalls ins Rathaus führen. In 
Lauffen ist das Kaliumiodid ab dem gleichen Termin bis 4. Dezember im 
Bürgerbüro erhältlich.