HN-St: Moment mal: Pillen-Panik
Heilbronner Stimme, 04.11.04
> Moment mal: Pillen-Panik
Von Joachim Rüeck
Eins ist klar: Sollte es im Neckarwestheimer Atomkraftwerk einmal zum GAU
kommen, dem größten anzunehmenden Unfall - die Menschen in unmittelbarer
Nachbarschaft der Meiler bräuchten sich keine großen Sorgen mehr über
Schilddrüsenkrebs zu machen. Muss man also in unserer an Panik nicht
armen Zeit durch Jodtabletten der Bevölkerung unbedingt ins Gedächtnis
rufen, dass sie ein Atomkraftwerk vor der Haustüre haben?
Zur Beruhigung der Menschen zwischen Brackenheim und Beilstein trägt die
"ereignisunabhängige Verteilung" sicher nicht bei. Verstärkt wird die
Verunsicherung, weil das Ansehen der Kraftwerksbetreiberin EnBW derzeit
locker mit dem Vertrauen in die sichere Rente konkurrieren kann.
Offene Fragen dürften an einem unguten Gefühl ebenfalls kaum unschuldig
sein: Wann sollte man zur Jod-Ration greifen? Und wer nicht? Stoppt die
radioaktive Wolke über Brackenheim, damit die außerhalb des Zehn-
Kilometer-Radius' lebenden Güglinger rechtzeitig ihre Pillen geliefert
bekommen? Wer sind die heldenhaften Fahrer, die sich den ganzen
fliehenden, über 45-jährigen Talheimern und Lauffenern entgegenwerfen, um
den Heilbronnern ihr Kaliumiodid auszutragen?
Doch keine Panik - schaden kann es nicht, wenn man die Pillen hat. Es sei
denn, man nimmt sie trotz einer Schilddrüsenüberfunktion. Dann
verursachen sie im allerschlimmsten Fall Schilddrüsenkrebs.