HN-St: "Regeln des Anstands nicht beachtet"
Heilbronner Stimme, 04.11.04
> "Regeln des Anstands nicht beachtet"
Von Roland Muschel
Ein Brief, den Bundesumweltminister Jürgen Trittin (Grüne), an den
Vorstand der Energie Baden-Württemberg (EnBW) geschrieben hat, heizt den
Streit um das Sicherheitsmanagement des Atombetreibers erneut an.
Der Konzern wies gestern die Darstellung, wonach sich Trittin angesichts
des von EnBW-Chef Utz Claassen verkündeten "Null-Fehler"-Strategie um ein
"Klima der Angst in den Atommeilern" des Konzerns sorge, vehement zurück:
"Weiter kann man kaum daneben liegen". Trittin habe sich "mehrfach
öffentlich wie auch Herrn Claassen persönlich gegenüber sehr positiv" zu
den deutlichen Vorgaben für die EnBW geäußert.
Zur Erinnerung: Claassen hatte in Folge der jüngsten Panne im Kraftwerk
Neckarwestheim angekündigt, der Konzern werde künftig eine
"kompromisslose Null-Fehler/Null-Toleranz-Politik betreiben". Zu Bedenken
von Wirtschaftsminister Ernst Pfister, dass diese Politik Mitarbeiter
einschüchtern könne, hatte Claassen gesagt: diese beruhten auf einem
"rein intellektuellen Verständnisproblem". Zudem hätte Jürgen Trittin
seine Strategie schriftlich "begrüßt".
Das stimmt zwar. Aber im gleichen Brief wies der Grünen-Politiker auch
darauf hin, dass "Kritik an der Sicherheit des Anlagenbetriebs" zu keinen
persönlichen Nachteilen führen dürfe. Zudem sind aus Sicht seines Hauses
noch nicht alle Zweifel am Sicherheitsmanagement der EnBW ausgeräumt.
Auf Wunsch Berlins wird deshalb das Stuttgarter Umweltministerium heute
Vormittag erneut den von der EnBW entlassenen ehemaligen Leiter des
ersten Reaktorblocks des Kraftwerks Neckarwestheim (GKN), Eberhard Grauf,
vernehmen. Dabei soll auch geklärt werden, "ob das Personal nach der
breit kommunizierten Ablösung und der öffentlichen Kritik von EnBW an Dr.
Grauf nunmehr wegen der Befürchtung beruflicher Nachteile nicht mehr zur
offenen Kommunikation, wie sie ein geeignetes Sicherheitsmanagement
erfordert, bereit ist".
Pfister sagte gestern, er habe sich "sehr gewundert", dass sich Claassen
in einem Interview auf die schriftliche Zustimmung Trittins zur neuen
Strategie berufen habe. Da sei "einfach nicht die Wahrheit" verbreitet
worden. Zu Claassens Kritik an seiner Person sagte Pfister: "Ich hätte
erwartet, dass auch ein hoher Wirtschaftsführer die Regeln des Anstands
beachtet."