StZ: Auch Trittin warnt vor Klima der Angst in Atommeilern
Stuttgarter Zeitung, 03.11.04
> Auch Trittin warnt vor Klima der Angst in Atommeilern
> Bundesumweltminister lässt den Stromkonzern EnBW abblitzen: Gefeuerter
Kraftwerkschef bleibt in seinem Beratergremium
Werden die Mitarbeiter in den Kernkraftwerken der EnBW eingeschüchtert?
Mit dieser Sorge ist FDP-Wirtschaftsminister Ernst Pfister keineswegs so
isoliert, wie es der Stromkonzern darstellt. Auch Bundesumweltminister
Jürgen Trittin (Grüne) fürchtet um eine offene Kommunikation.
Von Andreas Müller
Ernst Pfister stand da wie ein begriffsstutziger Schulbub. Nach Strich
und Faden wurde der Wirtschaftsminister vom Stromkonzern Energie Baden-
Württemberg (EnBW) verhöhnt. Seine Bedenken gegen den Null-Toleranz-Kurs
in den Kernkraftwerken, spottete der EnBW-Chef Utz Claassen, beruhten auf
einem "rein intellektuellen Verständnisproblem". Alle maßgeblichen
Politiker hätten die Strategie dagegen befürwortet - der grüne
Bundesumweltminister Jürgen Trittin sogar "uns gegenüber schriftlich".
Ein solches Schreiben gibt es tatsächlich. Doch Claassen hat daraus nur
unvollständig zitiert. Seiner grundsätzlichen Zustimmung zur Null-
Toleranz-Parole ("Ich begrüße dies") ließ Trittin nämlich einen Einwand
folgen, der sich im Kern mit Pfisters Sorgen deckt. "Ich muss
ausdrücklich darauf hinweisen", schrieb er an den EnBW-Vorstand, "dass
die Möglichkeit der offenen Diskussion von Sicherheitsfragen innerhalb
des Unternehmens wesentlicher Bestandteil eines effektiven
Sicherheitsmanagements ist, wie ich es von den deutschen
Atomkraftwerksbetreibern erwarte". Das bedeute auch, dass "kein
Beschäftigter befürchten muss, Kritik an der Sicherheit des
Anlagenbetriebs führe zu persönlichen Nachteilen". Die gemeinsame
Botschaft des Berliner Grünen und des Stuttgarter Liberalen: Es dürfe
kein Klima der Angst entstehen, in dem lieber geschwiegen werde.
Nicht nur wegen der - nicht abgestimmten - Rückendeckung für Pfister hat
die Energie Baden-Württemberg kein Interesse daran, dass der vollständige
Brief öffentlich wird. Der eigentliche Anlass der Korrespondenz ist für
den Stromkonzern ziemlich blamabel. In diesem Sommer gab es im
Kernkraftwerk Neckarwestheim (GKN) einen überraschenden Rauswurf: Nach
mehr als 30 Jahren beim GKN wurde der Leiter des ersten Reaktorblocks,
Eberhard Grauf (57), Knall auf Fall abgelöst. "Querulatorisches"
Verhalten, "verbale Ausfälle gegenüber Vorgesetzten" und ein
"gravierendes Zerwürfnis mit dem Management" nannte die EnBW später als
Gründe. Was genau vorgefallen ist, dass der beliebte Chefingenieur gehen
musste, weiß die tief verunsicherte Belegschaft bis heute nicht: Nach
einer außergerichtlichen Einigung schweigen beide Seiten.
Bundesweites Aufsehen erregte die Entlassung nicht nur wegen der
seltsamen Umstände. In der Atombranche genießt Grauf, der jüngst noch
promoviert hat, als Sicherheitsexperte ein hohes Renommee: Er sitzt in
mehreren internationalen Gremien und wurde im Jahr 2002 auch in die
Reaktorsicherheitskommission des Bundes berufen, die Umweltminister
Trittin berät. Als "absolute Koryphäe" loben ihn Kollegen.
Doch nach dem Willen der EnBW - das wird erst jetzt bekannt - hätte er
mit seinem Job auch dieses Ehrenamt verlieren sollen. Bereits im August
ließ Claassen seinen Technikvorstand Thomas Hartkopf an Trittin
schreiben: Da Grauf für den Stromkonzern nicht mehr tragbar sei, "erfüllt
er auch nicht mehr das Anforderungsprofil für eine Mitgliedschaft in der
Kommission". Man empfehle daher seine Abberufung bzw. einen Verzicht auf
seine Neubenennung. Nach dem Abgang in Neckarwestheim, fügte Hartkopf
hinzu, sei "der ehemalige Reaktorchef ohnehin nicht mehr auf dem
aktuellen Informationsstand". Für die Nachfolge unterbreite man dem
Umweltminister "gerne einen im Betreiberkreis abgestimmten Vorschlag".
Trittin empfand das Ansinnen der EnBW wohl als freche Anmaßung. Kühl und
knapp schrieb er Ende September zurück, die Reaktorsicherheitskommission
sei keineswegs ein gemeinsames Gremium zwischen Bundesaufsicht und
Betreibern. Sie diene allein seiner Beratung - und da sei Grauf "mit
seiner Fachkenntnis und Erfahrung sowie seiner offenen und
unvoreingenommenen Argumentation eine wichtige Stütze". Zweifel an dessen
Qualifikation könne er nicht erkennen "und auch Ihrem Brief nicht
entnehmen". Er gehe davon aus, verblieb der Umweltminister, "dass Sie (.
. .) Ihren Wunsch nach Abberufung selbst als gegenstandslos ansehen".
Nach dieser harschen Abfuhr gab die EnBW klein bei. "Von unserer Seite
aus ist der Fall Grauf abgeschlossen", erklärte ein Unternehmenssprecher
einsilbig.
Nicht jedoch für die Atomaufsicht im Stuttgarter Umweltministerium. Schon
vor Wochen waren die Experten von Ressortchef Stefan Mappus (CDU) zwar zu
dem Schluss gekommen, Graufs Rauswurf habe nichts mit Sicherheitsfragen
zu tun gehabt. Aber auf Wunsch Trittins soll die Befragung der
beteiligten Führungskräfte jetzt noch einmal wiederholt werden. Für
morgen und übermorgen sind sie zu Gesprächen ins Ministerium bestellt.
Dort soll unter anderem geklärt werden, "ob das Personal nach der breit
kommunizierten Ablösung und der öffentlichen Kritik von EnBW an Herrn Dr.
Grauf nunmehr wegen der Befürchtung beruflicher Nachteile nicht mehr zur
offenen Kommunikation bereit ist". Auch dadurch kann sich Mappus" Kollege
Pfister in seinen Bedenken bestätigt sehen.
Inzwischen hat EnBW-Chef Claassen auch seine Drohung überdacht, mit dem
als "vielleicht etwas überfordert" geschmähten Wirtschaftsminister nur
noch schriftlich zu verkehren. Der Stromkonzern habe ein Gespräch
angeboten, um seine Sicherheitsstrategie zu erläutern, lässt Pfister
mitteilen: "Das werden wir gerne aufgreifen."
Aktualisiert: 03.11.2004, 06:15 Uhr