StZ: Wie sicher ist eigentlich sicher?
Stuttgarter Zeitung, 29.10.04
> Wie sicher ist eigentlich sicher?
> Die Reaktortechnik wird besser, die Risikofrage bleibt
Beim Thema Kernkraft ist Europa tief gespalten. Schon allein die
Risikofrage für bestehende Kraftwerke zu klären ist kompliziert und
umstritten. Fest steht: neue Meiler sind sicherer als alte. Vollkommen
sicher wird Atomkraft aber wohl nie sein.
Von Tobias Beck
Wirklich sicher bei Atomkraftwerken ist, dass keines zu hundert Prozent
sicher ist. Für die Abschätzung des Risikos von Kernkraftwerken gilt
dieser Spruch noch immer - auch bei den modernen Atomkraftwerken vom Typ
"European Pressurized Reactor (EPR)", die jetzt in Finnland und
Frankreich gebaut werden. Denn die Frage "Wie viel sicherer ist ein
Atomkraftwerk als ein anderes" darf so eigentlich gar nicht gestellt
werden. "Die Vergleichsmöglichkeit für das Risiko einzelner
Reaktorkonzepte existiert nur sehr begrenzt", stellt Edmund Kersting in
Gesprächen gleich vorab klar. Den direkten Vergleich von
Schadenswahrscheinlichkeiten hält der Reaktorexperte und Leiter der
Abteilung für internationale Aufgaben bei der Gesellschaft für Anlagen
und Reaktorsicherheit in Köln (GRS) nämlich für unseriös.
Generell gilt: das Unfallrisiko eines Kernkraftwerks wird über eine so
genannte Probabilistische Sicherheitsanalyse (PSA) beurteilt. Alle
Komponenten eines Reaktors - von der Kühlmittelpumpe über die
Schweißnähte bis zum Birnchen im Kontrollraum - werden dabei untersucht,
um das Unfallrisiko eines Reaktortyps zu bestimmen. Auch beim neuen
Europäischen Druckwasserreaktor EPR des französisch-deutschen Herstellers
Framatome ANP ist das nicht anders. "Wir setzen verschiedene Szenarien
für die verschiedenen Systeme an, aus dieser großen Datenbasis werden
dann die entsprechenden Wahrscheinlichkeiten berechnet", erklärt Norbert
Haspel, Reaktorexperte bei Framatome.
Schlüsselgröße einer PSA ist dabei immer die so genannte Core Damage
Frequency (CDF), die Wahrscheinlichkeit, dass es innerhalb eines Jahres
zu einer Kernschmelze und damit womöglich zum Austritt von Radioaktivität
in die Umwelt kommt. Beim EPR liegt diese Wahrscheinlichkeit den
Entwicklern zufolge bei eins zu einer Million. Was so viel bedeutet, dass
wahrscheinlich erst nach tausend Jahren mit einer Kernschmelze zu rechnen
wäre, selbst wenn tausend Atommeiler auf der Erde am Netz wären.
"Zumindest in ihrer Größenordnung ist diese Zahl ein guter
Vergleichswert", ist Wolfgang Beyer, Sprecher von Framatome, überzeugt.
Die Meiler der ehemaligen DDR hätten einen tausendfach höheren CDF-Wert
gehabt.
Die PSA des modernsten deutschen Kernkraftwerks, das 1989 in
Neckarwestheim in Betrieb ging, weist dagegen eine CDF von 2,5 zu einer
Million und damit die 2,5fache Wahrscheinlichkeit für eine Kernschmelze
auf. Ist also der neue EPR zweieinhalbmal so sicher? Mitnichten. Denn die
Untersuchung am schwäbischen Meiler hatte damals die GRS vorgenommen. Und
genau aus deren Ecke kommt die Kritik. Weil hunderte von verschiedenen
Einschätzungen und Gleichungen einfließen würden, so die Experten, seien
die Zahlen der Wahrscheinlichkeitsanalysen nicht so einfach vergleichbar.
Tatsächlich sind die Wege, die in unterschiedlichen Ländern, bei
unterschiedlichen Herstellern und unterschiedlichen Meilern zur PSA
führen, keineswegs voll standardisiert. So gingen in die Analyse der GRS
andere mathematische Modelle und zusätzliche Szenarien als in diejenigen
des Herstellers Siemens ein. Das Problem sieht auch Wolfgang Beyer: Zwar
gebe es unter anderem von Seiten der internationalen
Atomenergieorganisation IAEO festgelegte Grundregeln, alles andere an der
Durchführung einer PSA sei aber eher eine Art festes Brauchtum. Die
Zahlen sind also mit Vorsicht zu genießen und stehen vor einem
Grunddilemma: Betrachtet werden in den Untersuchungen meist nur
kraftwerksinterne Störfälle. "Die Vollständigkeit der für die
Risikoanalyse relevanten Ereignisse ist damit aber nicht gegeben", fügt
Kersting an.
Schließlich hängt die Sicherheit von Atomkraftwerken auch von Bedrohungen
von außen ab wie Krieg, Meteoriten, Erdbeben oder Terroranschlägen. EVA -
Einflüsse von außen nennen die Kraftwerksbetreiber diese Störfälle und
sichern je nach Standort ihre Kraftwerke auch gegen berechenbare
Ereignisse unterschiedlich stark ab. So hat der EPR eine doppelwandige
Betonhülle, die dem Absturz einer Passagiermaschine standhalten soll.
Doch "gegen alles weitere, was wie Krieg oder Terror durch die Politik
beeinflusst wird, Schutz zu treffen, liegt jenseits unserer
Möglichkeiten", erklärt Beyer.
Ganz sicher und gegen alle Eventualitäten gewappnet wird also
Reaktortechnik nie sein. Dennoch wird auch in Zukunft die Nukleartechnik
sicherer werden. So haben sich vor vier Jahren zehn Länder, darunter die
USA, Frankreich, die Schweiz, Brasilien und Südafrika,
zusammengeschlossen, um mit dem Projekt "Generation IV" neue, sicherere
Kerntechnik voranzutreiben.
Unter den Reaktorkonzepten der Zukunft finden sich auch zwei für die
deutsche Kerntechnik alte Bekannte: der Schnelle Brüter und der
Hochtemperaturreaktor (HTR). Die Brütertechnik mit nahezu geschlossenem
Brennstoffkreislauf soll in Zukunft statt mit gefährlichem Natrium mit
Blei, Salz oder Helium gekühlt und sicherer werden als die Prototypen,
die in Deutschland und Frankreich nie über das Versuchsstadium
hinauskamen. Und auch der Hochtemperaturreaktor soll einst "inhärent
sicher" funktionieren. Das wäre eine Renaissance. Denn im westfälischen
Hamm Uentrop wurde ein derartiger Zukunftsreaktor 1991 schon wieder
abgerissen. Die Betreiber hatten Probleme nicht in den Griff bekommen,
1986 entwich Radioaktivität durch den Kamin.
Mit Generation IV soll das besser werden. Die neuen HTR sollen nur mit
100 bis 170 Megawatt laufen - die Hälfte des deutschen
Versuchskraftwerks. Selbst wenn alle Sicherheitssysteme ausfallen, würde
dann der Brennstoff nicht mehr in einer Kernschmelze enden. Stattdessen
wäre das Uran auch dann noch in Grafitkügelchen sicher verpackt.
Bisher existieren diese Reaktoren der Zukunft also nur in den Schubladen.
Baubeginn: frühestens in 20 Jahren. Ob dann tatsächlich nichts mehr
passieren kann, lässt sich bis jetzt noch nicht beantworten. Denn auch
das ist eine Erkenntnis der Risikoexperten: Auf dem Papier lässt sich die
Frage der Sicherheit nie abschließend klären.
Aktualisiert: 29.10.2004, 06:18 Uhr