StN: Weitere Panne in Neckarwestheim bekannt geworden - Technikchef muss gehen
Stuttgarter Nachrichten, 18.09.04
> EnBW kündigt "Null-Toleranz-Politik" an
> Weitere Panne in Neckarwestheim bekannt geworden - Technikchef muss
gehen
Stuttgart - Die jüngste Panne im Kernkraftwerk Neckarwestheim war weit
größer als bisher bekannt. Nicht nur radioaktiv verseuchtes Wasser floss
in den Neckar, auch Schlamm wurde kontaminiert. Als Reaktion auf die
Nachricht wurde der Technikchef der Anlage am Freitag abberufen.
VON FRANK KRAUSE
Es sind wieder unruhige Zeiten für die Energie Baden-Württemberg (EnBW).
Da ist der Sparkurs von Konzernchef Utz Claassen gerade etwas aus den
Schlagzeilen verschwunden, schon sorgen neue Pannen für Sorgenfalten. Am
27. Juli war radioaktiv verseuchtes Wasser aus Block II in Neckarwestheim
in den Neckar gelangt, was die EnBW freilich erst am 18. August bemerkte.
Dann aber dauerte es weitere neun Tage, ehe der Energiekonzern den
Vorfall bei der Atomaufsicht in Stuttgart meldete. Bekanntlich hat der
neue Umweltminister Stefan Mappus (CDU) deshalb ein
Ordnungswidrigkeitsverfahren gegen die EnBW eingeleitet.
Noch laufen dazu die "Vorermittlungen", wie es am Freitag im
Umweltministerium hieß, da ist der nächste Vorfall schon aktenkundig. Bei
der Panne am 27. Juli wurde auch Schlamm kontaminiert. Diese ölhaltigen
Abfälle wurden mit einem Lastwagen zur Entsorgung abtransportiert -
freilich ohne, dass jemand bei der Ausfahrtkontrolle die radioaktive
Belastung von zwei Megabecquerel bemerkte.
Ein Sprecher der EnBW in Karlsruhe sagte am Freitag, man wisse "noch
nicht", wo die Abfälle hingebracht worden seien, die Strahlenbelastung
sei aber gering gewesen, "eine Gefahr für Mensch und Umwelt bestand
nicht". Im Umweltministerium hieß es hingegen, Mitarbeiter der
Landesanstalt für Umweltschutz hätten die Lkw-Ladung inzwischen
sichergestellt und würden den Fall nun untersuchen. "Dann werden wir über
weitere Konsequenzen entscheiden", so ein Sprecher von Mappus.
Die EnBW hat eben solche bereits gezogen. Auf Veranlassung von
Konzernchef Claassen wurde der technische Geschäftsführer in
Neckarwestheim, Werner Zaiss, am Freitag gekündigt. "Ab sofort werden wir
nicht nur wie bisher das Ziel größtmöglicher Sicherheit in unseren
Kernkraftwerken verfolgen, sondern zudem eine kompromisslose Null-
Fehler/Null-Toleranz-Politik betreiben", so Claassen. Man werde sich von
jedem trennen, "der bei den Abläufen und im Kommunikationsverhalten
seiner Verantwortung nicht gerecht wird". Das Umweltministerium teilte
daraufhin mit, man hoffe, dass nun "ein Ruck" durch die EnBW gehe. Mappus
betonte abermals, es gebe "für niemanden einen Sicherheitsrabatt beim
Betrieb von Kernkraftwerken".
Das Vorgehen der EnBW hinterließ am Freitag aber auch Fragen. So warnte
der Grünen-Abgeordnete Walter Witzel vor einem "Verbalradikalismus"
Claassens. Schon der frühere Konzern-Chef Gerhard Goll habe 2001 nach der
Pannenserie von Philippsburg Besserung im Sicherheitsmanagement
versprochen, bis jetzt habe sich aber offenbar "nicht viel geändert".
Unter diesem Aspekt wirft auch der Rauswurf von Eberhard Grauf neue
Fragen auf. Die EnBW hatte den Werksleiter von Neckarwestheim II Ende
Juni fristlos entlassen, nachdem es zuvor einen heftigen Streit mit
Claassen gegeben hatte. Insider berichten, dabei habe Atomexperte Grauf
mit Blick auf eine neue Panne in Philippsburg davor gewarnt, auf Kosten
der Sicherheit zu sparen. Ein Sprecher der EnBW wollte das am Freitag
nicht näher kommentieren.
Die Aufarbeitung der Vorfälle in Neckarwestheim geht derweil weiter -
auch auf politischer Ebene. Ein Sprecher von Bundesumweltminister Trittin
sagte am Freitag unserer Zeitung, der vom Landesumweltministerium und der
Atomaufsicht vorgelegte Bericht zur Panne vom 27. Juli sei "nicht
ausreichend". In den Abläufen sei "manches schleierhaft", einige Fragen
seien "noch zu klären". Man habe deshalb das Ministerium gebeten, die
maßgeblichen Entscheidungsträger der EnBW zu einem Gespräch in Stuttgart
vorzuladen. Besonders pikant: Dann sollen, so heißt es, im Beisein seines
Trittin-Mitarbeiters auch die geschassten Chefs Zaiss und Grauf gehört
werden.
Aktualisiert: 18.09.2004, 06:17 Uhr