HN-St: Flugzeugaufprall wäre wohl unbeherrschbar
Heilbronner Stimme, 19.02.04
> Flugzeugaufprall wäre wohl unbeherrschbar
Von Peter Reinhardt
Eine bislang unter Verschluss gehaltene Studie über die Folgen von
terroristischen Angriffen mit Flugzeugen sieht bei einigen deutschen
Atomkraftwerken erhebliche Gefahren. Die Gesellschaft für
Reaktorsicherheit (GRS) kommt zu dem Ergebnis, dass bei älteren
Siedewasserreaktoren wie Philippsburg 1 durch den Aufprall einer großen
Boeing 747 wie schon durch einen vergleichsweise kleinen Airbus 320 eine
erhebliche Freisetzung von Radioaktivität drohe. Ob ein solcher Störfall
beherrschbar wäre, sei fraglich.
Für die gegen keinerlei Flugzeugabstürze ausgelegte Anlage in Obrigheim
heißt es, im Fall einer großflächigen Zerstörung des Reaktorgebäudes sei
die Beherrschung des Unfalls fraglich. Der Vorsitzende der Grünen im
Stuttgarter Landtag, Winfried Kretschmann, fordert als Konsequenz die
Energie Baden-Württemberg (EnBW) zur vorgezogenen Abschaltung der beiden
Reaktoren in Philippsburg und Obrigheim auf. In einem Brief an
Vorstandschef Utz Claassen erinnert er an die im Atomausstiegsvertrag
fixierte Möglichkeit, Reststrommengen von älteren auf neuere Anlagen zu
übertragen.
Möglichst rasch und umfassend sollte die Produktionskapazität auf die
wesentlich besser gegen derartige Terrorangriffe abgesicherte Anlagen wie
Neckarwestheim II und Philippsburg II verlagert werden. Selbst wenn nur
das Triebwerk einer Passagiermaschine im Block I von Philippsburg die
Wand des Reaktorgebäudes durchschlage, wäre die Beherrschung dieses
atomaren Ernstfalls überaus fraglich.
Die GRS hat sich in ihrer Analyse auch mit den Gefahren bei den geplanten
Zwischenlagern für abgebrannte Brennelemente beschäftigt. Danach können
durch den Aufprall eines Verkehrsflugzeugs bei einem der beiden
Gebäudetypen Wände und Decken einstürzen und Kerosin eindringen.
Die Kraftwerksbetreiber haben den Aufsichtsbehörden intern bereits im
Juni 2003 Vorschläge für Schutzmaßnahmen vorgelegt. Die GRS verweist
darauf, dass darin sowohl neue Überlegungen zur Tarnung der Anlagen wie
zum Brandschutz gemacht würden. Derzeit prüfen die Sicherheitsexperten
deren Wirksamkeit.
19.02.2004