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STZ: "Die kapieren nicht mehr, was da vor sich geht"



Stuttgarter Zeitung, 23.02.04

> "Die kapieren nicht mehr, was da vor sich geht"
> Umweltschützer: Routine schuld an Pannen in Fessenheim
 
Nach den Pannen im Atomkraftwerk Fessenheim, bei denen zwölf Personen 
leicht kontaminiert wurden, wird in Frankreich über die 
Sicherheitsstandards debattiert. Umweltschützer werfen dem Stromkonzern 
EdF vor, mit Sparmaßnahmen die Sicherheit aufs Spiel zu setzen.

Von Michael Neubauer

Wenn Transportbehälter vom Typ Castor durchs Elsass fahren, stellt sich 
Jean-Marie Brom bei Straßburg an die Gleise, um zu demonstrieren. Der 
grüne Straßburger Stadtrat kämpft seit Jahren in Frankreich gegen die 
Atomenergie und ist Sprecher des Netzwerks für den Atomausstieg. Dass 
vorige Woche im Block 1 des Atomkraftwerks Fessenheim die Arbeiten wegen 
der Strahlengefahr unterbrochen wurden, lässt für ihn nur einen Schluss 
zu: "Die kapieren doch gar nicht mehr, was da vor sich geht." Brom ist 
Wissenschaftler und Spezialist für Nukleartechnik, Panik verbreiten ist 
eigentlich nicht seine Sache. Aber was der Energiekonzern Electricité de 
France (EdF) zurzeit mache, entlockt ihm deutliche Worte: "Wenn das so 
weitergeht, steuern wir möglicherweise auf eine Katastrophe zu."

Noch nie hat es im Kraftwerk Fessenheim so viele Pannen in so kurzer Zeit 
gegeben. Auslöser war ein Bedienungsfehler am 24. Januar. "Ein 
Mitarbeiter ist bewusst anders vorgegangen, als es die Vorschriften 
verlangen", erzählt Brom. Die Folgen: 300 Liter verbrauchte, hoch 
radioaktive Kunstharze, die einst zum Reinigen des Kühlwassers in Filtern 
benutzt wurden, gelangten in den Primärkreislauf - ein noch nie da 
gewesener Vorfall. Die Mitarbeiter schätzten die Folgen falsch ein und 
wechselten die verdreckten Wasserfilter aus wie immer. Sie ahnten nichts 
von den chemischen Reaktionen, trugen nicht die richtige Schutzkleidung 
und atmeten radioaktiv belasteten Staub ein. Als sie sich am Ende ihrer 
Schicht in die Strahlenkontrolle stellen, piepst der Alarm.

Zwölf Mitarbeiter erleiden innerhalb von drei Wochen im Block 1 leichte 
Kontaminationen. Der AKW-Direktor Joseph Sanchez spricht vor Journalisten 
und gegenüber der Staatsanwaltschaft von einer "Anhäufung von 
unbedeutenden Ereignissen". In drei Wochen sind so viele Kontaminationen 
passiert wie normalerweise in zwei Jahren. Tatsächlich liegen die dabei 
erlittenen radioaktiven Belastungen für die Mitarbeiter im gesetzlich 
zulässigen Rahmen - sie entsprechen in zwei Fällen dem Röntgen einer 
Lunge.

Doch es gibt noch ein anderes Problem: "Nach fast dreißig Jahren 
Kernenergienutzung wird die Routine zur Gefahr", sagt Jean-Marie Brom. 
Ingenieure seien müde von den immergleichen Prozeduren. Zu leichtfertig 
schickten Abteilungsleiter nach den ersten Kontaminationen weitere 
Mitarbeiter ungeschützt zum Filterwechsel, sodass auch sie belastet 
wurden. Für Brom ein alarmierendes Zeichen: "Es wird immer schlechter 
überwacht, ausgebildet und geschützt."

Fessenheim hat wieder einmal gezeigt, dass menschliche Fehler und 
komplizierte Wartungsarbeiten die sensiblen Bereiche der Kernenergie 
sind. Die Probleme haben eine Debatte über die Sicherheit in den 58 
Atomkraftwerken ausgelöst, die die EdF betreibt. "Le Monde" berichtete 
über die drastischen Sparpläne der EdF: Wegen der Öffnung der 
Energiemärkte befürchtet der Strommonopolist Mindereinnahmen. Daher 
sollen jährlich 200 Millionen Euro bei Personal und Wartung gespart 
werden - und das zu einem Zeitpunkt, zu dem viele Anlagen in ein hohes 
Alter kommen. Noch stellt die Atomschutzbehörde keine Verschlechterung 
bei den Sicherheitsvorkehrungen fest. "Aber landesweit werden immer mehr 
Arbeiten an billigere, zeitlich gestresste, schlecht ausgebildete 
Subunternehmer ausgelagert", sagt Brom.

In Fessenheim betont man hingegen, dass die Sicherheit an erster Stelle 
stehe. Obwohl es das älteste Atomkraftwerk in Frankreich ist, sei es 
durch die ständigen Investitionen "mit das jüngste im Land". Aber selbst 
Betriebsratsmitglieder kritisieren, dass Fortbildungsmaßnahmen gekürzt 
würden. Der Vorfall hat die Umweltschützer aufgescheucht. Kein Wunder: 
der trinationale Widerstand am Oberrhein hat Geschichte, schließlich 
wurde hier das AKW Wyhl verhindert. Die Aktivisten vom Bund oder von 
Alsace Nature sind sensibel, was Verharmlosungen betrifft. Erst im 
September 2002 brannte das Giftmülllager Stocamine im Elsass, obwohl die 
Verantwortlichen das als "völlig unmöglich" hingestellt hatten. Und als 
die Direktion des AKW Fessenheim seinen Harzstörfall erst fünf Tage 
verspätet abends per Fax publik machte und auf der internationalen 
Bewertungsskala zu niedrig einstufte, fühlten sich viele Elsässer an den 
Vertuschungsfall bei dem Chemieunternehmen Rhodia in Chalampé erinnert: 
Im Dezember 2002 flossen dort bis zu 1200 Kubikmeter Cyclohexan in den 
Boden. Nicht die Firmenleitung meldete den Unfall, Mitarbeiter riefen 
heimlich die Medien an.

Fessenheim erzeugt eine Menge Strom, die rund 92 Prozent des Verbrauchs 
im Elsass entspricht. Experten betonen immer wieder, dass für die 
französische Stromversorgung Fessenheim nicht gebraucht werde. Für Jean-
Paul Lacäte von Alsace Nature ist längst klar, dass Fessenheim nicht mehr 
rentabel ist. Er zählt die Schwächen auf: Bei der vergangenen 
Zehnjahresuntersuchung wurden feinste Haarrisse am Reaktordruckgebäude 
festgestellt. Das wenige Kilometer vom Euroairport gelegene AKW sei nicht 
gegen Flugzeugabstürze oder gegen einen Bruch des Rheinseitenkanals 
gewappnet.

Auch von französischen Behörden gibt es Kritik: Die Sicherheitsbehörde 
streitet mit der EdF über die Erdbebensicherheit der Anlage. Doch eine 
Sanierung des AKW würde 400 Millionen Euro verschlingen. "Das 
Sicherheitsrisiko Fessenheim ist für die Bevölkerung am Oberrhein nicht 
mehr tragbar", sagt auch der Basler Nationalrat Rudolf Rechsteiner. Er 
will, dass die Basler Regierung mit dem Nordwestschweizer Aktionskomitee 
juristisch gegen Fessenheim vorgeht.

Doch der AKW-Direktor Sanchez hat vor einer Woche vor der lokalen 
Überwachungskommission beteuert: Fessenheim solle mindestens 40 Jahre am 
Netz bleiben - einst war von 25 Jahren die Rede. Bis dahin, so fürchten 
die Umweltverbände, will die mächtige Atomlobby in Frankreich bereits die 
neue Reaktorgeneration parat haben. Der neue Euroreaktor wird von der 
französischen Atomgruppe Areva und dem deutschen Siemens-Konzern gebaut. 
Beim Netzwerk Atomausstieg vermutet man, "dass altersschwache Anlagen wie 
Fessenheim noch durchhalten müssen, bis die neuen einsatzbereit sind".
 
Aktualisiert: 23.02.2004, 06:14 Uhr