HN-St: Mehr Leistung führt zu einer kürzeren Laufzeit
Heilbronner Stimme, 16.12.03
> Mehr Leistung führt zu einer kürzeren Laufzeit
Von Joachim Kinzinger
Die Leistungsreserve des Turbogenerators wollen die Betreiber des
Kernkraftwerks Neckarwestheim im zweiten Atomblock vollständig ausnutzen.
Damit würde sich die elektrische Leistung um 40 Megawatt erhöhen. Um drei
Prozent werde der Reaktor dann wirtschaftlicher gefahren, erklärt Dr.
Werner Zaiss, Technischer GKN-Geschäftsführer.
Die Steigerung der Reaktorleistung ist in Neckarwestheim nicht
ungewöhnlich. Am 3. Januar 1989 ging der zweite Meiler mit 3765 Megawatt
thermischer Leistung ans Netz. Bereits im Mai 1991 genehmigte das Land
den Sprung auf 3850 Megawatt. Das entspricht laut Zaiss einer Zunahme der
elektrischen Leistung von 27 auf 1365 Megawatt.
Noch war die Turbogrenze nicht erreicht. Jetzt will GKN in diese Zone
vorstoßen. "Das ist eine wirtschaftliche Frage", sagt Zaiss, der von
einem normalen Vorgang spricht. Die Amerikaner machten dies im großen
Stil, ebenso die Schweden. In Deutschland lieferten beispielsweise die
Reaktoren Philippsburg II und Isar II auf diese Art und Weise schon mehr
Energie.
Bereits im April 2000 stellten die Betreiber ans Stuttgarter
Wirtschaftsministerium den atomrechtlichen Antrag, GKN II von 1365 auf
1405 Megawatt aufzustocken. Die Systeme und Komponenten der Anlage würden
nicht verändert, so der Technische Geschäftsführer: "An der Hardware
ändert sich nichts."
Wie funktioniert die Leistungssteigerung? Zaiss erklärt: Im Reaktor wird
die mittlere Kühlmitteltemperatur um drei Grad angehoben, die
Aufwärmspanne über dem Reaktorkern um 0,6 Grad erhöht. Dadurch steigen
die Frischdampf-Temperatur und der Druck. Sie führen zu einer höheren
Leistung in der Turbine. Um drei Prozent erhöht sich die Neutronen-
Spaltrate im Reaktor. Dadurch will GKN rund 320 000 Megawattstunden mehr
Strom pro Jahr erzeugen.
Die Betreiber müssen nachweisen, dass die Auswirkungen auf Systeme und
Komponenten innerhalb der zulässigen Grenzen bleiben. Umfangreiche
Berichte über Störfall-Analysen gehören dazu. Der Neckarwestheimer GKN-
Manager geht davon aus: Das Gutachten liegt in der zweiten Jahreshälfte
2004 vor.
"Es geht um die Machbarkeit", nennt Ursel Habermann, Pressereferentin im
Stuttgarter Umweltministerium, das Gutachten und die Sicherheitsnachweise
der Betreiber als entscheidende Punkte. Die Expertise habe das
Wirtschaftsministerium in Auftrag gegeben. "Wenn das Gutachten vorliegt,
wird entschieden," so die Referentin.
Weitere Leistungserhöhungen schließt Werner Zaiss definitiv aus: " Sonst
müssten wir eine neue Turbine und einen neuen Generator kaufen. " Dies
wäre unwirtschaftlich. Nach dem Vertrag der Bundesregierung mit den
Energieversorgungsunternehmen zum Atomausstieg muss GKN II als letzter
deutscher Reaktor 2021 vom Netz. Da im Vertragstext Reststrom-Mengen
fixiert wurden, verkürzt sich die Laufzeit, falls die Leistungssteigerung
genehmigt sind. "Es sind einige Monate", hat der Manager ausgerechnet.
16.12.2003