StN: Gemeinde gibt Kampf gegen Atomlager auf
Stuttgarter Nachrichten, 17.12.03
> Gemeinde gibt Kampf gegen Atomlager auf
> Gemeinderat zieht Klage beim VGH zurück - Klagemauer ums GKN geplant
Gemmrigheim, Kreis Ludwigsburg - Der juristische Widerstand gegen das
atomare Zwischenlager beim Kernkraftwerk in Neckarwestheim ist beendet.
Am Montag entschied der Gemeinderat, die Klage gegen die beiden
Tunnelröhren für ausgediente Brennstäbe zurückzuziehen.
VON SASCHA SCHMIERER
Vier Jahre lang hat die Gemmrigheimer Bürgervertretung vergeblich
versucht, den als Zwischenlager geplanten Atomstollen für bis zu 150
Castor-Behälter auf dem Gelände des GKN vor Gericht zu verhindern. Jetzt
ist das Ende der Fahnenstange erreicht. Am Montag beschlossen die
Bürgervertreter, den Widerstand gegen die auf Baukosten von 30 Millionen
Euro geschätzte atomare Müllkippe in den Wind zu schreiben.
Vier der 14 Gemeinderäte und Bürgermeisterin Monika Tummescheit
entschieden, die im November eingereichte Klage vor dem
Verwaltungsgerichtshof Mannheim zurückzuziehen. Der Rest enthielt sich.
"Wir sind alle nicht glücklich über das Zwischenlager. Aber wir haben nun
wirklich alle rechtlichen Mittel ausgeschöpft", erklärt die
Bürgermeisterin.
Im Oktober hatte das Landratsamt Ludwigsburg den Beschluss der Gemeinde
aufgehoben und die Baugenehmigung fürs Zwischenlager erteilt - mit
sofortiger Wirkung. Zuvor hatte der Verwaltungsgerichtshof Mannheim
erklärt, dass es nicht möglich sei, das Projekt baurechtlich anzufechten.
Auch das Bundesverwaltungsgericht in Leipzig schloss sich dieser Sicht
an. Mit der Idee, das Gebiet mit einer Veränderungssperre zu belegen und
statt des Depots für ausgediente Brennstäbe einen Gewerbepark für die
Energiebranche zu planen, war Gemmrigheim gescheitert. Beim nächsten
Anlauf wandte sich der 3900 Einwohner zählende Ort gegen die Erlaubnis
des Bundesamts für Strahlenschutz Salzgitter, in den unterirdischen
Röhren auch strahlendes Material zu lagern. Fristwahrend legte die
Gemeinde eine neue Klage ein, bat aber ihren Rechtsbeistand um Prüfung
der Erfolgschancen.
Die Expertise des Freiburger Juristen Till Bannasch lag den Räten am
Montag vor - Worte wie in Stein gemeißelt: "Die Klage hat keine
Aussichten auf Erfolg. Sie hätte faktisch keine aufschiebende Wirkung und
wäre mit erheblichem Kostenrisiko verbunden. Wir können deshalb nur
raten, das Verfahren nicht fortzusetzen."
Mit dieser Stellungnahme endet der rechtliche Widerstand. Die Anfechtung
hat die Gemeinde rund 400 000 Euro gekostet. Im Februar 2006 soll das
Depot bezugsbereit sein. "Es war uns wichtig, zu zeigen, dass mit uns
nicht alles zu machen ist", sagt CDU-Gemeinderat Sven Herold. Wie die
lokalen Atomkraftgegner will er nun den politischen Widerstand forcieren -
mit Sonntagsdemonstrationen und einer "Klagemauer" rund ums
Kernkraftwerk.