RPf: Die langsame "Flex" lässt den Lokführer fluchen
Die Rheinpfalz, 11.12.03
> Die Reportage
> Die langsame „Flex" lässt den Lokführer fluchen
Zwei an die Schienen gekettete Atomkraftgegner stoppen gestern Abend für
zwei Stunden den Castor-Transport vor Imsweiler
Von unserem Redaktionsmitglied Rainer Knoll
Der Lokführer steht hinter dem rot-weißen Absperrband auf den Gleisen,
hat die eiskalten Hände in den Taschen geballt und flucht: „Im Sommer
hätte ich ja mit so was gerechnet – aber doch nicht bei diesen
Temperaturen. Da gehört schon eine ganze Portion Idealismus dazu." Einige
Meter weiter liegen zwei eingemummelte Männer auf dem Boden, umringt von
gut zwei Dutzend Polizei- und Bundesgrenzschutz-(BGS-)beamten. Hinter dem
Lokführer steht der Castor-Transport mit sechs Atommüllbehältern aus
norddeutschen Atomkraftwerken, der auf dem Weg in die französische
Wiederaufbereitungsanlage La Hague ist. Daraus wird vorerst nichts. Aus
der Menschentraube am Boden ertönt ein Winkelschneider, kurz „Flex"
genannt. Es wird langsam dunkel – und der Lokführer flucht noch immer.
Es war gegen 16.15 Uhr, als der Zug Rockenhausen passierte. Einige
Atomkraftgegner hätten am Rand der Strecke protestiert, erzählt der
Zugführer. Er habe gedacht: „Da stehen die paar Hansel, die immer bei den
Castor-Transporten stehen." Seit zwei Jahren ist er bei
Atommülltransporten im Einsatz – „mir ist in dieser Zeit so was noch
nicht passiert". Kurz hinter Rockenhausen habe er plötzlich einige
Personen auf dem Nachbargleis entdeckt, „die haben eine Fahne geschwenkt.
Kurz darauf haben wir Spruchbänder auf den Schienen bemerkt und sofort
gebremst." Erst als der Zug stand, haben sich die beiden Männer
offensichtlich an den Gleisen festgemacht – nachdem sie allerdings zuvor
schon alle Vorbereitungen getroffen hatten.
Die „Flex" gehört zur Ausstattung
Eine knappe Stunde später könnte man glauben, auf der Bahnstrecke
zwischen Rockenhausen und Imsweiler werde ein „Tatort" gedreht: Ein
Polizeiauto nach dem anderen fährt durch den Imsweilerer Mühlweg, um zum
realen Tatort mitten im Wald zu gelangen. Wer den Feldweg rein fährt,
kommt für die nächsten paar Stunden nicht mehr raus – geparkt wird dort,
wo's nicht mehr weiter geht. Über den Gleisen kreist ein
Polizeihubschrauber – die offensichtlich geplante Aktion hat auch er
nicht verhindern können. Auch die Polizei Rockenhausen ist mit allen
verfügbaren Kräften im Einsatz. Die Feuerwehr ist ebenfalls angerückt –
prophylaktisch. Denn an den Gleisen haben die BGS-Beamten mittlerweile
damit begonnen, die Festgeketteten „loszuflexen". Und wo „geflext" wird,
fliegen bekanntlich die Funken. Ein riesiger Werkzeugkoffer mit allem
Zubehör gehört längst zur Grundausstattung des Castor-Transports –
schließlich ist es ja nicht das erste Mal, dass jemand auf die Idee
kommt, den Zug auf diese Art aufzuhalten.
Aber die BGS-Beamten kommen nur langsam voran: Die beiden 19 und 28 Jahre
alten Atomkraftgegner – keine Pfälzer – haben ganze Arbeit geleistet. Sie
haben mehrere Eisen- und Aluminiumrohre ineinander- und diese wiederum
unter dem Gleis hindurchgeschoben. Als der Zug stand, haben sie sich mit
einer Kette ums Handgelenk an Querbolzen, die in den Rohren stecken,
festgemacht – einer der Männer auf den Schienen, der andere daneben.
Zusätzlich erschwert wird die Arbeit für die BGS-Beamten durch Dachpappe,
die zwischen den einzelnen Rohren steckt. Denn diese schmilzt beim
„flexen" und setzt die „Flexscheibe" zu. Öfter müssen die Beamten daher
die Scheiben wechseln, zudem aufpassen, dass sie die „Blockierer" nicht
verletzen.
Die meisten warten und frieren
Drumherum herrscht ein reges Treiben. Menschen kommen und gehen –
Polizisten, Feuerwehrleute, von der Bahn ist ein „Krisenmanager"
aufgetaucht. Wirklich helfen kann auch er nicht. Fast jeder der rund 30
Personen am Einsatzort hat ein eigenes Handy, aufgeregt wird hin- und her
telefoniert. Beamte laufen mit Fotoapparat oder Kamera herum, um das
Ganze festzuhalten. Längst müssen einige Polizisten den BGSlern mit
Halogenstrahlern leuchten. Zwei Polizisten machen sich im Dunkeln mit
Lampen auf den Weg in den etwa 500 Meter entfernten Tunnel vor Imsweiler
– man weiß ja nicht, was da noch so alles auf den Castor wartet. Die
meisten stehen allerdings nur da, warten und – frieren. Oder fluchen –
wie der Lokführer. In Koblenz ist er zugestiegen, fährt bis Neunkirchen.
Dann ist Schichtwechsel, zudem werden dort zwei Behälter aus dem
bayerischen Atomkraftwerk Isar angekoppelt. „Ich wohne in Frankfurt,
wollte heute eigentlich wieder heim", klagt er.
Die beiden Männer am Boden scheint das ganze Tohuwabohu im wahrsten Sinne
des Wortes kalt zu lassen. Stumm, ja amüsiert lassen sie die Bemühungen
der „Flexer" über sich ergehen. Sie haben sich scheinbar auf einen langen
Abend eingestellt: Isomatten, Daunenjacken, Decken, Ohrenschützer. Sie
rühren sich keinen Zentimeter vom Fleck. Mit der freien Hand putzen sie
sich ab und zu die Nase oder nehmen einen Schluck aus der Wasserflasche,
die neben ihnen steht.
Polizei: Freiheitsstrafe möglich
Es geht schon stark auf 19 Uhr zu, als das letzte der Rohre endlich
durchgetrennt ist. (Fast) Alle sind erleichtert, als die BGS-Beamten ihr
Werkzeug wieder einpacken können. Längst ist es stockdunkel und noch
kälter geworden. Zwei Stunden und 22 Minuten haben die beiden Männer den
Castor-Transport aufgehalten. Sie werden von der Polizei in Gewahrsam
genommen, machen aber einen munteren Eindruck – jedenfalls munterer als
viele der (durchgefrorenen) Anwesenden. Dies könnte sich jedoch ändern:
Laut Polizeipräsidium Westpfalz droht den beiden eine Anzeige wegen
„gefährlichen Eingriffs in den Bahnverkehr in einem minder schweren
Fall". Minder schwer deshalb, weil keine Personen – zum Beispiel
Fahrgäste – gefährdet wurden. Dennoch droht bei Anklage eine
Freiheitsstrafe zwischen drei Monaten und fünf Jahren.
18.55 Uhr: Der Castor fährt wieder. „Alles soweit o.k.", meldet das
Polizeipräsidium kurz darauf. Aus der Verspätung resultierten „keine
weiteren Probleme" für den Transport. Dies gilt allerdings nicht für
Bahnkunden auf der Strecke zwischen Bad Kreuznach und Kaiserslautern: Die
mussten nämlich zum Teil auf Busse ausweichen. Und der Lokführer? Der
hatte vor dem Einsteigen schon mal zu Hause angerufen und mitgeteilt,
„dass ich vielleicht im Hotel bleibe heute Abend". Nein, das hatte er nun
wirklich nicht erwartet, bei einem Castor-Transport im Dezember zwischen
Rockenhausen und Imsweiler.
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11.12.2003 Ausgabe(n): KIB