RPf: Gespannte Stimmung vor Castor Transport
Die Rheinpfalz, 08.11.03
> Gespannte Stimmung vor Castor Transport
> Am Montag Atommüll-Zug in Südpfalz erwartet – Polizei schätzt Lage
nach Anschlägen als ‚sehr ernst’ ein
VON UNSEREM REDAKTEUR ANDREAS LAPOS
Wörth. Ein Atommülltransport aus La Hague nach Gorleben soll am
Montag, 10. November, bei Wörth (Kreis Germersheim) die Grenze
überqueren. Nachdem es gegen die letzten Transporte fast keine
Proteste gab, ist die Stimmung dieses Mal angespannt. Grund sind drei
Anschläge auf Bahnstrecken in der Region: einer zwischen Neuburg und
Hagenbach, zwei bei Karlsruhe.
Bereits am Donnerstag, 30. Oktober, wurde zwischen 4 und 5 Uhr eine
kleine Barrikade auf der Bahnlinie zwischen Wörth und der
französischen Grenze errichtet. Sie bestand aus drei Euro-Paletten,
die zwischen den Gleisen aufgeschichtet waren; die oberste brannte.
Eine Regionalbahn fuhr darüber, ‚es ist aber nichts passiert‘, so
eine Polizeisprecherin. Auch wenn dieser ‚gefährliche Eingriff in den
Bahnverkehr‘ ohne Folgen blieb: Mittlerweile schätzt die Polizei die
Lage als ‚sehr ernst‘ ein, so die Sprecherin, zumal es in der Südpfalz
bisher bei Castorprotesten kaum Straftaten gab, ‚in der letzten Zeit
gar keine‘.
Ausschlaggebend für diese Lageeinschätzung dürften zwei weitere
‚gefährliche Eingriffe‘ in den Bahnverkehr bei Karlsruhe sein. Im
ersten Fall war am Dienstag, 21. Oktober, kurz vor 23 Uhr ein ICE auf
der Strecke Mannheim- Karlsruhe bei einer Geschwindigkeit von 200
Kilometern über einen Gegenstand gefahren und mußte sofort bremsen.
Die rund 100 Fahrgäste bleiben unverletzt, der Triebwagen wurde laut
Polizei Karlsruhe erheblich beschädigt. Neben und auf den Gleisen fand
die Polizei Teile einer ursprünglich etwa 2,5 mal 1,25 Meter großen,
zwei Millimeter starken Aluminiumplatte, die rekonstruiert werden
konnte. Hinweise über ihre Herkunft erhofft sich die die Kripo von der
Aufschrift des Bleches: auf schwarzer Grundfarbe sind die mit
Silberfolie aufgeklebten Buchstaben ‚....BERG‘ und ‚...mmunication‘ zu
lesen.
Der Verdacht, daß die Platte absichtlich auf die Gleise gelegt wurde,
bestätigte sich am Dienstag dieser Woche. Gegen 16 Uhr überrollte ein
Güterzug nördlich von Karlsruhe ein Blech. Es handelte sich laut
Polizei mit hoher Wahrscheinlichkeit um weitere Teile jenes Blehces,
das zwei Wochen zuvor den ICE gestoppt hatte.
Daß der Verdacht der Polizei schon nach dem ersten Vorfall in Richtung
Atomkraftgegner ging, wurde erst durch den Protest der Betroffenen
nach einer Durchsuchungsaktion bekannt. Die ‚Südwestdeutsche Anti-
Atom-Initiative‘ teilte mit, die Polizei hätte am Donnerstag, 30.
Oktober, sieben Wohnungne von Atomkraftgegner in Heidelberg, Wiesloch
und Karlsruhe durchsucht. Dias, ein Video, zwei Ordner mit
Aufzeichnungen sowie Computer wurden beschlagnahmt.
Die Atomkraftgegner haben mittlerweile – wie üblich – für Sonntag ab
14 Uhr eine Dauermahnwache am SBK-Kreisel in Maximiliansaus
angekündigt. Für 14.30 Uhr rufen sie zu einem Spazierganz auf, bei dem
der Zustand der Gleise besichtigt werden soll.”