jW: Bahnfahren gegen Castor
Junge Welt, 25.10.03
> Bahnfahren gegen Castor
>< Bundesweit mobile Demonstrationen als Protest gegen Atomtransporte und
das Atomgeschäft der Bahn
Wer am heutigen Samstag mit der Bahn unterwegs ist, kann sich auf
Überraschungen gefaßt machen: Atomkraftgegner aus dem ganzen Bundesgebiet
haben zu »mobilen Demonstrationen« aufgerufen, um gegen die
Atomtransporte zu demonstrieren. Die Aktionen stehen unter dem Motto
»Schönes Wochenende – Bahnfahren gegen die Atomwirtschaft«. Angeprangert
wird, daß Müll aus den Atomkraftwerken quer durch Europa verschoben wird.
In den Wiederaufarbeitungsanlagen werde der Atommüll vervielfacht, um in
anderer Zusammensetzung wieder zurückverfrachtet zu werden, kritisieren
die Atomkraftgegner in einem Aufruf zum Aktionstag.
An den Aktionen beteiligen sich Gruppen aus Deutschland und Frankreich.
Sie stellen eine Vorbereitung auf den nächsten großen Castortransport
dar. Voraussichtlich in der zweiten Novemberwoche soll ein neuer
Transport abgebrannter Brennstäbe von der französischen
Wiederaufarbeitungsanlage in La Hague nach Gorleben rollen.
Mit den »mobilen Demonstrationen« verzichten die Atomkraftgegner auf
einen zentralen Treffpunkt und setzen auf dezentrale, aber zeitgleiche
Aktionen: In den Zügen und Bahnhöfen der Deutschen Bahn soll bundesweit
mit einfallsreichen und überraschenden Kleingruppenaktionen auf die
Verwicklungen der Deutschen Bahn AG in das internationale Atomgeschäft
aufmerksam gemacht werden.
Die Bahn besitze Anteile am Atomkraftwerk Neckarwestheim und sei mit
ihrer Tochterfirma Nuklear Cargo einer der größten Profiteure im
europäischen Atomgeschäft. Sie führe Transporte mit hoch radioaktivem
Atommüll nach La Hague und Sellafield in Großbritannien sowie nach
Gorleben durch. Daneben transportiere die Bahn auch Uran in die
Anreicherungsanlage in Gronau und von dort nach Rußland. So würden
weltweit Atomkraftwerke mit nuklearem Brennstoff versorgt, kritisieren
die Atomkraftgegner. Sie fordern die Bahn auf, sich aus dem Geschäft mit
den Atomtransporten zurückzuziehen.
Die Ausweitung des Protests auf das gesamte Streckennetz der Deutschen
Bahn soll auch die Forderung nach der sofortigen Stillegung aller
Atomanlagen unterstreichen. Schon vor dem Aktionstag zeigte sich Wolfgang
Hauptfleisch vom Umweltzentrum Münster erfreut über die Beteiligung: »Es
ist ein Phänomen, daß sich immer wieder so viele Menschen gegen die
Atomtransporte mobilisieren lassen«. Bisher hätten etwa 25 Gruppen ihre
Beteiligung an den Aktionen bestätigt.
Zwei zentrale Anlaufpunkte gibt es schließlich doch. Am Göttinger Bahnhof
wird am Samstagnachmittag ab 16 Uhr ein Konzert stattfinden. Die Gruppen
aus Süddeutschland werden sich zur französischen Grenze bei Karlsruhe
begeben, um sich mit französischen Atomkraftgegnern zu vereinen.
Gemeinsam findet in Lauterbourg um 14.30 Uhr eine Demonstration statt.
Nähere Infos unter www.wirsindamzug.de.