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HN-St: Atomlager-Bau soll Anfang November starten / Kommentar: Verlagert



Heilbronner Stimme, 24.10.03

> Atomlager-Bau soll Anfang November starten

Von Joachim Rüeck 

Der Bau des atomaren Zwischenlagers am Neckarwestheimer Kernkraftwerk 
kann beginnen. Das Landratsamt Ludwigsburg hat gestern das bereits 
angekündigte Einvernehmen zum Bauantrag erklärt. Auch die Baugenehmigung 
werde unverzüglich erteilt, ließ die Kreisbehörde wissen.

Der Gemmrigheimer Gemeinderat hatte mehrfach seine Zustimmung zum 
Bauantrag versagt (wir berichteten). Als Aufsichtsbehörde überstimmte das 
Landratsamt nun diese Weigerung.

Hintergrund der Entscheidung ist, dass das Gemeinschaftskernkraftwerk 
Neckar (GKN) nicht mehr lange mit dem Bau des Zwischenlagers warten kann. 
Sonst läuft die Betreibergesellschaft Gefahr, gegen atomrechtliche 
Vorgaben zu verstoßen.

Denn die beiden Castor-Tunnels unter dem Verwaltungsgebäude müssen 
spätestens Ende April 2006 fertig sein. Der Ludwigsburger Landrat Rainer 
Haas schreibt in der Verfügung, dass er Verständnis für die Gemeinde 
Gemmrigheim und deren Interessen habe. Allerdings könnten atomrechtliche 
Grundsatzentscheidungen, die auf bundespolitischer Ebene getroffen 
wurden, nicht von einer einzelnen Gemeinde oder dem zuständigen 
Landratsamt über das Baurecht korrigiert werden.

Mit Blick auf mögliche hohe Schadenersatzforderungen des Kraftwerks gegen 
die Gemeinde habe ein Schlusspunkt gesetzt werden müssen. Selbst wenn die 
Gemmrigheimer Gemeinderäte in ihrer November-Sitzung eine Klage gegen die 
Verfügung aus Ludwigsburg beschließen, kann mit dem Bau begonnen werden.

Ein Gang vor das Stuttgarter Verwaltungsgericht, sagte Gemmrigheims 
Bürgermeisterin Monika Tummescheit, habe keine aufschiebende Wirkung. Die 
Gemeinde sei zwar nach wie vor gegen das Lager. "Es war aber schon vor 
Jahren damit zu rechnen, dass es keine rechtlichen Möglichkeiten mehr 
gibt."

Als "gute Nachricht" bezeichnete GKN-Geschäftsführer Wolfgang Heni die 
Entscheidung des Landratsamts. Vorausgesetzt die Baugenehmigung treffe in 
den kommenden Tagen in Neckarwestheim ein, könne in der ersten November-
Woche mit dem Bau begonnen werden.

Bislang sei die Baustelle mit genehmigungsfreien Arbeiten wie der 
Umzäunung des Parkplatzes vorbereitet worden. Die kommende Großbaustelle 
wird auch ins Visier der Atomkraftgegner rücken. Von einer "zweiten Phase 
des politischen Widerstands" spricht Wolfram Scheffbuch vom Bund der 
Bürgerinitiativen Mittlerer Neckar. Für 23. November ist die erste 
Kundgebung an der Baustelle geplant. Während der kommenden Jahre sei sie 
die "politische Bühne für den Protest".

Ein gerichtliches Vorgehen gegen die atomrechtliche Genehmigung hält 
Scheffbuch dagegen für nicht finanzierbar. Der Rechtsstreit um das Lager 
für 151 Castor-Behälter mit hochradioaktivem Müll dauerte seit dem Jahr 
2000. Im Sommer 2003 war Gemmrigheim in der letzten Instanz vor dem 
Bundesverwaltungsgericht in Leipzig gescheitert. Die auf 40 Jahre 
befristete atomrechtliche Genehmigung der Anlage durch das Bundesamt für 
Strahlenschutz erfolgte im September. 

Kommentar

> Verlagert

Von Joachim Rüeck

Was schon seit längerem klar ist, hat bald Brief und Siegel: Die 
Gemeinden Neckarwestheim und Gemmrigheim sind künftig nicht nur Standort 
zweier Atommeiler, sondern auch von tonnenweise hochradioaktivem Müll. 
Bis 2005 wird die gefährliche Fracht noch abtransportiert. Was dann noch 
auf dem Kraftwerksgelände ist, bleibt auch dort - zumindest für einige 
Jahrzehnte.

Sämtliche, zuletzt verzweifelte Versuche des Gemmrigheimer Gemeinderats, 
das Zwischenlager abzuwenden, sind gescheitert. Mit der Baugenehmigung 
zieht das Ludwigsburger Landratsamt einen Schlussstrich unter einen 
dreijährigen Rechtsstreit. Sollten die Gemmrigheimer auch gegen diese 
Entscheidung klagen, wäre das Vorgehen in doppelter Hinsicht vergeblich: 
Der Gang vor Gericht hätte weder aufschiebende Wirkung noch Aussichten 
auf Erfolg, sagen Experten. Außer dem zwar nachvollziehbaren, aber nicht 
gerade sehr gerichtswirksamen Ansinnen "Wir wollen kein Atomlager " hat 
die Gemeinde kaum noch Argumente. Auch wenn mit den Castor-Tunnels 
atompolitische Fragen nicht gelöst, sondern nur verlagert werden.

Dass auf Bundesebene gefallene Beschlüsse - wie die standortnahe 
Atommüllagerung - nicht auf kommunaler Ebene torpediert werden könne, ist 
eben eines der Merkmale unserer Demokratie. Ebenfalls zur Demokratie 
gehören sollte allerdings, dass Versprechen gehalten werden: Dass die 
Lagerung nicht gefährlicher als der laufende Betrieb eines Kernkraftwerks 
ist. Dass der Einschluss der abgebrannten Brennstäbe selbst bei einem 
Attentat oder einem Flugzeugabsturz sicher bleibt. Und vor allem dass die 
Castoren in 40 Jahren wieder weg sind.