HN-St: Kernkraftwerke fürchten keine Entlassungswelle
Heilbronner Stimme, 08.10.03
> Kernkraftwerke fürchten keine Entlassungswelle
Von Joachim Kinzinger und Joachim Rüeck
Die Mitarbeiter der Kernkraftwerke in Neckarwestheim und Obrigheim müssen
trotz der aktuellen Krise der Muttergesellschaft Energie Baden-
Württemberg (EnBW) wohl keine Entlassungswelle befürchten. Der Grund: Die
meisten Angestellten arbeiten in Sicherheitsbereichen der Atommeiler. KWO
soll bereits im Frühjahr 2005 vom Netz gehen.
Rund 710 Beschäftigte sind derzeit im Gemeinschaftskernkraftwerk Neckar
tätig, sagt Dr. Werner Zaiss, der Technische Geschäftsführer des GKN.
"Davon 620 im sicherheitstechnisch wichtigen Bereich." Von den restlichen
90 Angestellten seien außerdem die in der Brennstoffbeschaffung,
Entsorgung und Lagerbewirtschaftung für den korrekten Ablauf
unverzichtbar.
Lediglich im administrativen Bereich, so Zaiss, gebe es Überlegungen.
Dort arbeiten "weniger als 50 Mitarbeiter - und die werden nicht alle
betroffen sein", betont er. Da die Einsparungen erst bis 2006 geplant
seien und die GKN-Leitung die Bedingungen noch nicht kenne, "besteht
keine Not, überstürzt etwas zu tun".
Dass der Entlassungskelch am GKN vorbeigeht, denkt auch der
Betriebsratsvorsitzende Franz Watzka. "Die meisten hier tragen
atomrechtliche Verantwortung", meint er. "Die Arbeitsplätze sind damit
auch in der Genehmigung verankert."
Eine klare Absage erteilt der Betriebsratsvorsitzende dem EnBW-Angebot
einer Vier-Tage-Woche: "Dieser Vorschlag basiert auf einer Unkenntnis der
Situation in Kernkraftwerken. Das geht nicht." Durch Überstunden und
Notdienste würden sich dann die Kosten dafür, den permanenten Betrieb zu
sichern, sogar eher noch erhöhen.
Auf ein Angebot, wie sich die Arbeitnehmervertreter Einsparungen
vorstellen, muss die EnBW-Chefetage wohl warten. Watzka: "Wir können erst
reagieren, wenn ein schlüssiger Plan vorgelegt wird. Wir haben ein
Gegenkonzept in der Schublade, das wir dann rausziehen können. Vorher
werden wir einen Teufel tun, der hoch bezahlten Vorstandschaft die Arbeit
abzunehmen."
Mit fünf Bussen reisten 200 Beschäftigte aus dem Kernkraftwerk Obrigheim
(KWO) zur zentralen EnBW-Betriebsversammlung nach Heilbronn. "Alles steht
auf dem Prüfstand, was Geld kostet", fasst der KWO-
Betriebsratsvorsitzende Herbert Schneeweiß die Lage nach der Kündigung
der Betriebsvereinbarung zusammen: Sonderzahlungen, Dividenden-
Ausschüttung, Weihnachtsgeld. Sein GKN-Kollege Watzka schätzt, dass in
diesem Fall "jeder 25 bis 30 Prozent weniger im Geldbeutel" hätte.
Schneeweiß beruft sich in Sachen Personalstärke auf das Wort von EnBW-
Chef Utz Claassen, dass in sicherheitstechnischen Anlagen " keine Stellen
gestrichen werden". Die Personalstärke sei beim Reaktorbetrieb ohnehin
festgeschrieben.
"Bereits im Frühjahr 2005 werden wir voraussichtlich vom Netz gehen ",
betont Schneeweiß, wenn weiter mit Voll-Last gefahren werde. Nach dem
Konsensvertrag mit der rot-grünen Bundesregierung muss der älteste
deutsche Atommeiler spätestens im November 2005 abgeschaltet werden. Noch
genau erinnert sich Schneeweiß an den Satz des früheren EnBW-Chefs
Gerhard Goll bei einer Betriebsratsversammlung in Obrigheim: "Für jeden
Mitarbeiter wird ein Job gefunden."
Rund die Hälfte der 300 Mitarbeiter wird wohl beim Rückbau des
Obrigheimer Reaktors benötigt. Außerdem werde ein Sozialplan erstellt und
über den Früh-Ruhestand diskutiert, so der 52-Jährige. Schneeweiß ist
zuversichtlich, dass Fachhandwerker und Ingenieure nach dem KWO-Aus in
den Kernkraftwerken Neckarwestheim und Philippsburg unterkommen. Außerdem
ist der Betriebsratsvorsitzende vom Ausstieg aus dem Ausstieg überzeugt:
"Die Kernenergie wird wieder kommen."
08.10.2003