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StZ: Land will 50 Jahre Laufzeit für Atommeiler



Stuttgarter Zeitung, 08.10.03

> Land will 50 Jahre Laufzeit für Atommeiler
 
Teufel und Döring denken an Klage gegen Kernkraftkonsens und hoffen auf 
Bundestagswahl
 
STUTTGART. Kernkraftwerke sollen künftig mindestens 50 Jahre betrieben 
werden können. Das fordert die CDU-FDP-Landesregierung. Sie verlangt, 
dass der im Atomkonsens vereinbarte Ausstieg aus der Kernenergie vom Bund 
wieder zurückgenommen wird.

Von Thomas Durchdenwald

Um dieses Ziel zu erreichen, plant die Landesregierung eine 
Bundesratsinitiative gemeinsam mit unionsregierten Ländern wie Hessen und 
Bayern, erklärte Wirtschaftsminister Walter Döring (FDP) gestern. 
Allerdings räumten er und Ministerpräsident Erwin Teufel auf Nachfragen 
ein, dass das Land Erfolg versprechend nur rechtlich gegen den zwischen 
der Bundesregierung und den Energieversorgern vereinbarten Atomkonsens 
vorgehen könne. Ob dagegen Klage eingereicht wird, ließen Teufel und 
Döring gestern offen. "Wir führen noch Vorgespräche, es gibt noch keine 
abschließende Entscheidung", meinte der Wirtschaftsminister. Teufel 
erklärte: "Eine Verlängerung der Laufzeiten erreichen wir über den 
Klageweg oder eine neue Bundesregierung nach den Wahlen 2006."

In Baden-Württemberg gibt es fünf Kernkraftblöcke, die bis 2022 
stillgelegt werden sollen. Bereits 2005 soll das älteste deutsche 
Atomkraftwerk in Obrigheim, das 1968 in Betrieb ging, abgeschaltet 
werden. Nach den Vorstellungen der Landesregierung könnte es bis 
mindestens 2018 laufen. Die je zwei Blöcke in Philippsburg und 
Neckarwestheim, die zwischen 1976 und 1989 ans Netz gingen, könnten noch 
länger Strom produzieren. "Die technisch mögliche Laufzeit liegt bei 50 
bis 60 Jahren", sagten Teufel und Döring. Der Wirtschaftsminister rechnet 
nicht damit, dass die Abschaltung Obrigheims noch verhindert werden 
könne. Im Visier des politischen Vorstoßes sei Neckarwestheim, das 2009 
vom Netz genommen werden soll. Dem Neubau eines Kernkraftwerks im 
Südwesten erteilte Döring erneut eine Absage.

"Der Ausstieg aus dem Ausstieg ist notwendig", sagte der 
Wirtschaftsminister. Es gebe keine realistische Alternative zur 
Kernkraft, die rund 60 Prozent des Stroms im Südwesten liefere. Der 
Ausstiegsbeschluss sei "in hohem Maße ökonomisch wie ökologisch riskant", 
meinte Teufel. So führe der verstärkte Einsatz von Kohlekraftwerken trotz 
moderner Umwelttechnik zu "erheblichen Problemen" beim Klimaschutz, weil 
der Ausstoß von Kohlendioxid stark steige. Mehr Importe von Strom, der im 
Ausland in Atomkraftwerken produziert werde, berge die Gefahr hoher 
Preise, was den Wirtschaftsstandort schädige. Teufel: "Wir kommen an der 
Nutzung der Kernenergie nicht vorbei, das ist kostengünstig und 
klimaneutral."

Die SPD-Fraktion sprach von einem "Rückfall ins atompolitische 
Steinzeitalter". Gerade die Länder mit einem hohen Anteil an Atomstrom 
hätten Versorgungsnotstände. Die Grünen bezeichneten den Vorstoß als "bar 
jeder Realität". Teufel werde am Atomausstiegsprogramm "bestimmt nichts 
ändern", hieß es.