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StZ: Scharfer Streit um Atomkraftwerke und Windräder / "Unkonkret"



Stuttgarter Zeitung, 02.10.03

> Scharfer Streit um Atomkraftwerke und Windräder
 
Döring lehnt den Bau neuer Kernkraftanlagen ab und fordert Debatte über 
Laufzeiten - SPD und Grüne kritisieren Eingriffe Teufels
 
STUTTGART. Wirtschaftsminister Walter Döring (FDP) hat Vorstöße aus der 
CDU für neue Atomkraftwerke zurückgewiesen. "Wir führen keine Debatte 
über ein neues Kernkraftwerk", sagte er. Darüber herrsche im CDU-FDP-
Kabinett volle Übereinstimmung.

Von Thomas Durchdenwald

Dabei ist es ausgerechnet ein Kabinettsmitglied gewesen, das die Debatte 
um die Atomkraft im Südwesten in diesen Tagen angestoßen hat. 
Kultusministerin Annette Schavan (CDU) hatte als Vorsitzende der 
Programmkommission der Südwest-Union angeregt, über ein neues 
Atomkraftwerk in Baden-Württemberg nachzudenken.

Schavan sagte der dpa: "Wer in der Energieversorgung unabhängig bleiben 
will, darf die Frage des Standorts für ein weiteres Kernkraftwerk nicht 
tabuisieren." Im Entwurf des von ihr zu verantwortenden CDU-
Grundsatzprogramms heißt es zurückhaltender: "Die Kernenergie ist und 
bleibt in diesem Zusammenhang essenzieller Bestandteil eines ökonomisch 
effizienten Energiemixes." In diesem Sinne hatte sich bisher auch 
Ministerpräsident Erwin Teufel geäußert. Vergangene Woche sagte er, die 
Option Kernenergie müsse für die Zukunft gewahrt bleiben.

Döring nutzte die von den Grünen beantragte Debatte über die Windkraft im 
Land gestern für eine Klarstellung. "Wir brauchen keine Standortsuche", 
sagte er, "wir brauchen auch kein neues Kernkraftwerk". Allerdings seien 
sich die Landesregierung und die sie tragenden Fraktionen von CDU und FDP 
darin einig, dass "wir aus dem Ausstiegsbeschluss der Bundesregierung 
aussteigen wollen". In dem von Rot-Grün und den Energieversorgern 
getroffenen Atomkonsens sollen die Kernkraftwerke nach und nach bis zum 
Jahr 2028 abgeschaltet werden, als eines der ersten soll der älteste 
kommerzielle Reaktor in Obrigheim (Neckar-Odenwald-Kreis) im Jahr 2005 
vom Netz gehen. In Baden-Württemberg werden momentan 60 Prozent des 
Stroms in Atomkraftwerken erzeugt.

"Wir können dieses Ausstiegsszenario realistischer Weise gar nicht 
einhalten", erklärte Döring. Soll heißen: andere Energieträger seien 
nicht in der Lage, das Versorgungsloch, das durch die Abschaltung der 
Atomreaktoren entstehe, zu füllen. "Deshalb lasst uns offen sein für eine 
Diskussion über die Laufzeiten der bestehenden Kernkraftwerke", sagte 
Döring. Man benötige noch über Jahre hinweg einen Energiemix, an der die 
Nutzung der Kernenergie beteiligt sei.

"Die Energiepolitik der siebziger Jahre ist angesagt", kritisierte der 
Grünen-Fraktionschef Winfried Kretschmann die von der CDU betriebene 
"Wiederbelebung der Atomkraft". "Das ist eine abenteuerliche und 
dilettantische Debatte, wenn man weiß, welche Risiken die Atomkraft hat 
und dass die Entsorgungsfrage völlig ungelöst ist." Er forderte einen 
Energiemix, der auf neue Kraftwerksparks, Kraft-Wärme-Koppelung, Gas- und 
Dampfkraftwerke sowie auf regenerative Energien wie Biomasse, Wasser- und 
Windkraft setze. Der SPD-Abgeordnete Thomas Knapp forderte, Baden-
Württemberg müsse größere Anstrengungen unternehmen, um den Atomausstieg 
zu vollziehen, und mehr auf erneuerbare Energien setzen.

In der Debatte um die beiden Windräder auf dem Freiburger Schauinsland 
kritisierten Kretschmann und SPD-Fraktionschef Wolfgang Drexler die 
Eingriffe Teufels. Offenbar unterstehe jede Windkraftanlage direkt dem 
Staatsministerium, sagte Kretschmann. Das konterkariere die Ziele von 
Teufels eigener Verwaltungsreform. Drexler sagte, die Windräder seien 
ordnungsgemäß erstellt, "bis der Druck des MP kam". Die CDU führe bei 
Windrädern den Landschaftsschutz an nicht aber bei Strommasten und 
Atommeilern.

Döring wies die Vorwürfe zurück. Das Land werde Windräder an Orten 
genehmigen, die sich eigneten, "und überall dort, wo sie die Landschaft 
verschandeln, werden wir sie nicht genehmigen". Er halte am Ziel fest, 
den Anteil der regenerativen Energien bis 2010 zu verdoppeln. Allerdings 
würden dafür 40 Millionen Euro im Jahr benötigt, zur Verfügung stünden 
nur zwölf Millionen. Döring: "Es wird keine Punktlandung geben."
 
Kommentar

> Debatte um Energiepolitik
> Unkonkret
 
Von Thomas Durchdenwald
 
Der Posten war bestens kalkuliert. Als Vorsitzende der Programmkommission 
der Südwest-CDU sollte die Kultusministerin Annette Schavan aus der 
bildungspolitischen Ecke heraus und sich als Politikerin für mehr als 
einen Themenbereich profilieren. So jedenfalls mag der CDU-Landeschef 
Erwin Teufel gedacht haben, als er Schavan den Posten anbot. Von dem 64-
Jährigen heißt es schließlich, er bevorzuge Schavan, wenn es dereinst um 
seine Nachfolge als Ministerpräsident gehen sollte. Ob es Kalkül war oder 
nicht: der erste Ausflug Schavans in die Wirtschaftspolitik hat in der 
Tat Spuren hinterlassen. Man müsse auch über einen Standort für ein neues 
Atomkraftwerk in Baden-Württemberg nachdenken dürfen, meinte sie. Damit 
ging Schavan weit über die vorsichtige Formulierung hinaus, derer sich 
Teufel sonst befleißigt. Der Regierungschef spricht davon, man müsse sich 
die Option auf die Kernkraft bewahren - das ist hinlänglich unkonkret.

Schavans Konkretisierung ist der CDU-FDP-Landesregierung ein zu heißes 
Thema. Die aufkeimende Debatte sollte gestern pikanterweise ausgerechnet 
der liberale Wirtschaftsminister Walter Döring austreten. Es gehe nicht 
um einen Standort für einen neuen Atommeiler, so seine Botschaft aus dem 
Kabinett. Das Land wolle aber entgegen dem Berliner Konsens die 
Laufzeiten der Atomkraftwerke wieder verlängern. Wie die daraus 
entstehenden Probleme, man denke nur an die Entsorgung, gelöst werden 
sollen, interessierte auch die CDU- und FDP-Redner nicht, die den 
Windkraftbefürwortern gestern Realitätsferne unterstellen. Die künftige 
Energieversorgung ist indes ein zu wichtiges Thema, als dass es allein 
zum politischen Streit taugte - und zur Profilierung.
 
Aktualisiert: 02.10.2003, 05:05 Uhr