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StZ: Eine Million Jahre soll ein künftiges Atomendlager sicher sein



Stuttgarter Zeitung, 18.12.02

> Suche nach Freiwilligen
> Eine Million Jahre soll ein künftiges Atomendlager sicher sein
 
Vier Jahre lang haben die Experten über der kniffligen Frage gebrütet, 
wie wohl am ehesten ein Standort für ein atomares Endlager zu finden sein 
dürfte. Sie suchen Sicherheit für eine Million Jahre und setzen dabei auf 
Freiwilligkeit, Transparenz und die richtige Bodenformation.

Von Bärbel Krauß, Berlin

Es ist schon kurios. Bei der Suche nach einem Endlager für Atommüll in 
Deutschland setzen die Experten, die sich vier Jahre lang über die 
notwendigen Standortqualitäten und den vernünftigsten Verfahrensweg den 
Kopf zerbrochen haben, ganz eindeutig auf Freiwilligkeit. Das geht aus 
dem Bericht des "Arbeitskreises Endlager" hervor.

Die Sache mit der Freiwilligkeit ist zumindest mutig, wo es sich in 
Deutschland schon als schwierig erwiesen hat, Standorte für 
Müllverbrennungsanlagen zu finden - und die sind für die Nachbarn "nur" 
unangenehm. Atomkritiker mit skeptischem bis ängstlichem Temperament 
dagegen mögen sich in der Nachbarschaft einer auf eine Million Jahre 
angelegten Lagerstatt für viele Kubikmeter radioaktiven Mülls nicht nur 
unangenehm berührt, sondern sogar gefährdet vorkommen. Sogar 
Kernkraftbefürworter tun sich, wie Jürgen Trittin längst erkennen musste, 
schwer mit derartigen Anlagen.

Nur so kann der grüne Umweltminister sich erklären, dass der frühere 
schwarze Finanzminister Theo Waigel aus dem kernkraftfreundlichen Bayern 
ihm vor einem guten Jahr im Bundestag einen ganzen Packen Unterschriften 
gegen ein Zwischenlager in Grundremmingen auf die Regierungsbank gepackt 
hat; und dabei geht es lediglich um eine Betriebsdauer von Jahrzehnten.

Trotzdem ist der hochrangig besetzte Arbeitskreis zu dem Schluss 
gekommen, dass zu den Standortkriterien für ein Endlager neben den 
geowissenschaftlichen Voraussetzungen auch die Akzeptanz der Bevölkerung 
zählt. Die sei, so der Bericht, nur durch ein öffentliches und völlig 
transparentes, in viele Schritte untergliedertes Verfahren zu erlangen. 
In nicht einmal dreißig Jahren, nämlich 2030, kann das Endlager nach 
Einschätzung der Experten fertig sein. Das Einfachste an der ganzen Sache 
ist offenbar die Einrichtung des Lagers in tiefen Bodenformationen der 
Erde, wo die Isolierung des Atommülls für eine Million Jahre 
gewährleistet werden kann. Denn für den Bau sind lediglich drei Jahre 
vorgesehen. Alles was vorher kommt, scheint komplizierter und 
zeitaufwendiger.

An die erste Stelle des Verfahrens setzt der Arbeitskreis die Diskussion 
seiner Empfehlungen mit den Bundesländern, die in ungefähr zwei Jahren 
abgeschlossen sein soll. Trittin signalisiert seine Bereitschaft zu einem 
solchen Moderationsverfahren und erklärt: "Sollte dabei ebenfalls 
Einvernehmlichkeit über das Verfahren herauskommen, wird der Gesetzgeber 
sich kaum mehr darüber hinwegsetzen können."

Inhaltlich soll die Standortsuche mit einer "weißen Deutschlandkarte" 
beginnen; keine Region wird von vorneherein ausgeschlossen und 
Vorfestlegungen gibt es ebenfalls nicht. Damit schlägt, was etwa der 
Naturschutzbund Deutschland (Nabu) ausdrücklich begrüßt, auch für 
Gorleben eine neue Stunde Null. In diesem Schritt sollen die geologischen 
Gegebenheiten geprüft und gewichtet werden. Danach sollen laut Bericht an 
mindestens drei, nach Möglichkeit aber an fünf Standorten - mit 
Zustimmung der Bevölkerung - zusätzliche oberirdische Untersuchungen 
angestellt werden. Anschließend sieht der Arbeitskreis, wieder mit 
Zustimmung der Bevölkerung, unterirdische Sondierungen an zwei Standorten 
vor, für die allein zehn Jahre geplant sind. Erst danach - also etwa im 
Jahr 2015 - soll die endgültige Entscheidung fallen, wo das Atomendlager 
errichtet wird.

Umweltminister Trittin äußert sich zufrieden, dass die Expertenrunde sich 
auf eine gemeinsame Empfehlung geeinigt hat. "Es gibt mehrere Standorte 
in Deutschland, die die Kriterien erfüllen", betont er, freilich ohne 
Namen oder eine Zahl zu nennen. Die FDP-Umweltpolitikerin Birgit 
Homburger freilich sieht das ganz anders. In ihren Augen drückt Trittin 
sich vor der Entscheidung.
 
Aktualisiert: 18.12.2002, 06:05 Uhr