^StN: Bei vollem Betrieb geht Obrigheim früher vom Netz
Stuttgarter Nachrichten, 19.12.02
> Bei vollem Betrieb geht Obrigheim früher vom Netz
> EnBW-Chef Goll: Ausstieg im Frühjahr 2005 möglich - Kaum Hoffnungen für
den Arbeitsmarkt in der Region
Stuttgart - Bei Volllastbetrieb geht das Atomkraftwerk Obrigheim nicht
wie angekündigt am 15. November, sondern bereits im Frühjahr 2005 vom
Netz. Das erklärte EnBW-Chef Gerhard Goll am Mittwoch in Stuttgart.
VON TORSTEN SCHÖLL
"Der endgültige Abschalttermin 15. November beinhaltet einen Puffer von
rund einem halben Jahr", sagte Goll. Möglich wird der frühere
Ausstiegszeitpunkt, weil das Atomausstiegsgesetz Restlaufzeiten vorsieht,
die in Strommengen und nicht in Jahren bemessen sind. Die Bundesregierung
hatte der Übertragung von 5,5 Terawatt-Stunden Laufzeit von dem jüngeren
Reaktor Philippsburg 1 auf den älteren in Obrigheim zugestimmt. Gehe man
von einem störungsfreien Betrieb in den nächsten drei Jahren aus, wäre
laut Goll die vereinbarte Reststrommenge deshalb bereits bis zum Frühjahr
2005 produziert.
Der Vorstandsvorsitzende dementierte, dass die Energie Baden-Württemberg
ursprünglich über die jetzt genehmigten 5,5 Terawatt-Stunden weitere
Reststromzeiten vom Kernkraftwerk in Stade auf Kernkraftwerke im
Südwesten übertragen haben wollte. Es habe, laut Goll, jedoch sehr wohl
Überlegungen in diese Richtung unter den Kraftwerkschefs gegeben, für den
Fall, dass Bundeskanzler Gerhard Schröder sich nicht an die zuvor
gegebenen Übertragungsversprechen bezüglich Obrigheim gehalten hätte.
"Davon sind wir aber zu keinem Zeitpunkt ausgegangen", sagte Goll. Die
Festlegung auf einen endgültigen Ausstiegstermin am 15. November 2005
habe darüber hinaus auch politische Gründe: Demnach sollte das Abschalten
des Atommeilers nicht mit den Wahlen 2006 kollidieren.
Für die Region um Obrigheim, deren größter Arbeitgeber der
Kernkraftwerksbetreiber ist, hat Goll wenig hoffnungsvolle Perspektiven:
"Für das Stammpersonal werden wir innerhalb des Konzerns Lösungen
finden", sagt Goll. Ein Ersatz in Form eines neuen Kraftwerks sei derzeit
aber nicht geplant. Für die indirekt vom Atomkraftwerk abhängigen
Unternehmen, beispielsweise Handwerksbetriebe in der Region, sieht Goll
zum jetzigen Zeitpunkt schwarz. Ein Trost: Bis das Kernkraftwerk
tatsächlich endgültig abgewickelt ist, vergehen, so Golls Prognose, nach
2005 noch Jahre. "Während dieser Zeit werden wir noch Aufträge nach außen
geben können." Die Kosten für den Rückbau beziffert die EnBW auf einen
dreistelligen Millionenbetrag.
Die Bilanz der externen Sonderbeauftragten, die seit Oktober vergangenen
Jahres die fünf Kernkraftblöcke in Baden-Württemberg auf Herz und Nieren
überprüfen, fällt positiv aus: "Die Atomkraftwerke", urteilt der
Schweizer Nuklearexperte Wolfgang Jeschki, "werden sicher und
wirtschaftlich betrieben." Die Zahl der Störungen in den AKWs
Philippsburg, Obrigheim und Neckarwestheim liegen demzufolge im
Bundesschnitt, international sogar unter dem Durchschnittswert.
Das so genannte Sicherheitsmangement-System, mit dem die Kernreaktoren
der EnBW unter Mithilfe externer Nuklearspezialisten überprüft werden,
soll künftig auch von anderen Kernkraftwerkbetreibern übernommen werden.